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Der

Ernst-August-Stollen

am Harze

 

Von allen Sorgen und Mühen, welche die Erhaltung des Harzer Bergbaus in Laufe der Jahrhunderte gekostet hat, lassen sich keine den Kämpfen vergleichen, welche um die Befreiung der Gruben von den andringenden Grundwassern geführt sind. Bereits in den frühesten Zeiten tritt dies hervor, denn schon bald nach Wiederaufnahme des Bergbaus zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts sehen wir, daß die mechanischen Hülfsvorrichtungen zur Hebung des Grundwassers nicht mehr ausreichen und zur Anlage von Abzugsstollen geschritten werden mußte. Von den alten noch jetzt gangbaren Stollen, welche in die Grubenreviere bei Clausthal und Zellerfeld heran getrieben sind, fällt der Angriff des Dreizehnlachter-Stollens in das Jahr 1525, der des Frankenscharrner Stollens in das Jahr 1548, des Neunzehnlachter-Stollens in das Jahr 1551 und des Raben-Stollens in das Jahr 1573.

Der tiefe Georgstollen

Mit Hülfe dieser Stollen, welche im Laufe der Zeit immer weiter durch die Grubenreviere hindurch getrieben wurden, und unter Vermehrung der Betriebskräfte mittelst großartiger Teich- und Grabenanlagen konnte nun der Bergbau etwa zweihundert Jahre lang ungestört fortgesetzt werden. Je mehr aber um die Mitte des vorigen Jahrhunderts die Grubenbaue in die Tiefe, unter die Sohle der vorhandenen Stollen, Vorrückten, um so schwieriger wurde es, der Grundwasser dauernd Herr zu werden und aufs Neue einen tieferen Stollen den Gruben die Hülfe zu bringen, ohne welche sie voraussichtlich schon in kurzer Zeit zum Erliegen kommen mußten. Im Jahre 1771 faßte man die Ausführung einer solchen Anlage zuerst mit Bestimmtheit ins Auge, aber erst nach längeren Untersuchungen und Verhandlungen erfolgte die Feststellung des Plans, und zwar dahin, daß der neue Stollen - nach König Georg III tiefer Georgstollen genannt - unterhalb der Bergstadt Grund angesetzt und von dort aus in östlicher Richtung nach den Clausthaler Gruben herangetrieben werden sollte. Zwar kam es auch in Frage, den Stollen noch tiefer, entweder im Lerbach-Thale oder bei Lasfelde am Rande des Harzes anzusetzen, doch stand man hiervon bald wieder ab, weil die damalige Zeit erschien, dasselbe aber auch abgesehen hiervon keinesfalls so rasch hätte beendet werden können, als erforderlich war, um den Gruben die unbedingt nöthige Hülfe noch rechtzeitig zu bringen.

Der Bau des tiefen Georgstollen ist auf seiner ursprünglich projectierten Linie, vom Mundloche bis zum Caroliner und Lorenzer Schachte, in einer Länge von 5481 1/4 Lachter (zu 6,75 hannoversche Fuß) während der 22 Jahre von 1777 bis 1799 ausgeführt worden; theils gleichzeitig, theils später setzte man ihn aber auch nach den Gruben des Zellerfelder und Bockswieser Reviers fort, wodurch seine Länge sich im Ganzen um 3805 Lachter, also auf 9286 Lachter (fast 2 1/8 deutsche Meilen) erhöhet hat.

Der tiefe Georgstollen bringt in den Gruben des Clausthaler Reviers zwischen 140 bis 150 Lachter Teufe ein, etwa 70 Lachter mehr als der Dreizehnlachter-Stollen, der tiefste der älteren Stollen.

Die tiefste Wasserstrecke

Wie groß auch die Erleichterung war, welche der tiefe Georgstollen dem Bergbau brachte, so blieben doch auch nach seiner Vollendung die Zustände in den Gruben bedrängt genug. Schon waren die Schächte bis tief unter die Stollensohle niedergebracht und nur mit einiger Anstrengung ließen sich deren Gesenke in Flutzeiten zu Sumpfe halten; dem weiteren Abbau der Erze unterhalb des Stollens aber blieb auch jetzt noch in der beschränkten Leistungsfähigkeit der Künste eine ziemlich enge Grenze gesetzt. Unter solchen Umständen hatte man schon während des Stollenbaus auf weitere Hülfe gesonnen. Sollte diese in gründlichster und nachhaltigster Weise geschafft werden, so mußte man dazu schreiten, den schon früher in Erwägung gekommenen Lasfelder Stollen als den tiefsten nach der Tagessituation überhaupt möglichen Stollen zur Ausführung zu bringen. Man erkannte dies auch sehr wohl, mußte aber bei den damaligen beschränkten Geldmitteln darauf verzichten, ein solches Unternehmen gleich in seinem vollem Umfange auszuführen und beschränkte sich deshalb darauf, die sofort erforderlichen und mit den gegebenen Kräften ausführbaren Maßregeln in einer Weise zu treffen, daß damit dem Bau des tiefsten Stollens zweckmäßig entgegen gearbeitet ward. So schritt man im Jahre 1803, also nur vier Jahre nach Vollendung des Georgstollens zur Inangriffnahme der sogenannten tiefen Wasserstrecke, eine Verbindungsstrecke zwischen den Gruben der Clausthaler und Zellerfelder Reviere.  Dieselbe ward im Clausthaler Reviere genau im Niveau des künftigen tiefsten Stollens, 60 Lachter unter dem Georgstollen, im Zellerfelder Reviere aber der später zu erwähnenden Bootsfahrt wegen 40 Zoll höher angesetzt und sollte bis dahin, daß der Stollen dermaleinst bis zu Tage würde ausgetrieben werden können, als ein Haupt-Wasser-Reservoir für die Tiefbaue der Clausthaler-Schächte bei der Wasserbewältigung einander zu Hülfe kommen könnten und von welcher aus späterhin die gesammten Grundwasser durch kräftig wirkende Maschinen auf den tiefen Georgstollen abgehoben werden sollten.

Erst im Jahre 1835 ward durch die Beendigung des Einbaus zweier Wassersäulen-Maschinen in dem eigens dafür abgeteuften Silbersegener Richtschachte das Werk zur schließlichen Vollendung gebracht, auf welchen seitdem die Sicherheit, ja das Bestehen des Clausthaler und Zellerfelder Bergbaus beruht hat. Die tiefste Wasserstrecke reicht vom Caroliner bis zum verstürzten Lorenzer Schacht und von hier bis zu den Schächten des Rosenhöfer Reviers.

Ihre ganze Länge beträgt einschließlich der Schachtquerschläge 3422 Lachter.

Neben der Wasserwirtschaft ist diese seit dem Jahre 1833 auch zum Transport eines Theils der auf dem Burgstätter Zuge gewonnenen Erze nach den in unmittelbarere Nähe der Pochwerke gelegenen Schächten des Rosenhöfer Reviers benutzt, zu welchen Zwecke ein Wasserstand von 60 Zoll auf der Strecke zwischen dem Caroliner und Silbersegener Schachte unterhalten wird. In einer Tiefe von etwa 200 Lachter oder 1300 Fuße unter Tage bewegt sich jetzt auf schwer beladenen Schiffen der Erztransport von Schacht zu Schach, oben auf der Erde aber ist es stiller geworden, nicht mehr sieht man wie vordem die langen Reihen der mit starken Hegsten bespannten Erzwagen durch die Straßen Clausthals nach den Pochwerken ziehen; nur daß, was die Schächte des Rosenhöfer Reviers nicht zu Tage zu fördern vermögen, wird noch zu Wagen nach den Aufbereitungswerkstätten geschafft.

Der Ernst-August-Stollen

1. Vorbereitung und Plan

Während so 30 Jahre und darüber vergingen bis die tiefe Wasserstrecke und die damit in Verbindung stehenden Hülfsanlagen in ihrem ganzen Umfange der Vollendung entgegen geführt waren, hatte sich inzwischen die Schwierigkeit der Wasserhaltung in den Gruben wiederum erheblich gesteigert; kaum daß mit dem Wachsen des Uebels die Mittel zur Abwehr gleichen Schritt halten konnten. Namentlich war es die Zusumpfhaltung der Grundwasser in den Tiefbauen der Gruben des mittleren und auch des oberen Burgstädter Reviers, welche bei der großen Tiefe dieser Gruben besondere Schwierigkeiten verursachte und schon im Jahre 1824 dazu Veranlassung gab, zum Aushieb einer zweiten tiefen Wasserstrecke, 60 Lachter unter der ersten und eigentlich tiefen Wasserstrecke, zu schreiten. Diese Arbeit wurde bis zum Jahre 1853 zwischen dem Wilhelmer und Elisabether und bis zum Fahre 1840 zwischen dem Dorotheer und Elisabether Schachte beendet, seit welcher Zeit die Elisabether Gesamtkünste die Grundwasser jener Reviere bis zur oberen Wasserstrecke heben.

Gelang es nun auch mit Hülfe aller jener Vorrichtungen mit den Erzabbau etwa hundert Lachter weiter in die Tiefe zu dringen, als wo sie bei Vollendung des tiefen Georgstollen gestanden hatten, und die Bewältigung der Grundwasser aus der tiefe bis in die neueste Zeit mit hinreichender Sicherheit zu beschaffen, so nahm doch leztere von Jahr zu Jahr mehr ab. In Flutzeiten konnte man bald der Wasser kaum noch mit Zuhülfenahme aller Kräfte Herr werden und wenn nicht die Silbersegner Wassersäulenmaschine trotz der von ihnen geforderten angestrengten Leistungen zu allen Zeiten ihre Schuldigkeit getan hätten, so wäre das Aufgehen der Grundwasser und damit der größte, selbst mit bedeutenden Geldopfern nicht völlig zu beseitigende Schaden für die Grubengebäude kaum länger zu vermeiden gewesen.

So kam man erst im Jahre 1850 auf Grund der angestellten sorgfältigen Erwägungen und markscheiderischen Messungen zu dem Beschlusse, den neuen Stollen auf dem Schützenanger bei Gittlede im Herzogthum Braunschweig, hart am Rande des Harzes anzusetzen und ihn von dort aus durch die Felder der Grube Hülfe Gottes und der übrigen Gruben des Silbernaaler Reviers nach dem Schachte der Grube Ernst August bei Wildemann und weiter am Haus Sachsener Schachte vorbei bis zum Schreibfeder Schachte der Grube Regenbogen bei Zellerfeld zu treiben, woselbst er dann mit der vorhandenen tiefen Wasserstrecke zusammen traf.

Die Länge des Stollens vom Mundloch bis zum Schreibfeder Schachte ward zu 5452 Lachter, und die Dauer der von 7 Angriffspunkten aus - Mundloch, Hülfe Gottes, Georgstollen=Lichtloch, Bergwerkswohlfahrt, Ernst August, Haus Sachsen und Schreibfeder - mit 12 Oertern, respektieve Gegenoertern zu betreibenden Arbeiten auf 22 Jahre berechnet. Für die Kosten wurden 449419 Thaler veranschlagt. Am 10. Februar 1851 wurde der definitive Plan vorgelegt, indem es zugleich im Hinblick auf  die hohe Wichtigkeit derselben für den ganzen oberharzer Bergbau den Wunsch zu erkennen gab, dem neuen Stollen nach Seiner Majestät dem Könige Ernst August den Namen "Ernst-August-Stollen" beilegen zu dürfen.

2.Ausführung

Der erste Angriff geschah am 21. Juni 1851 mit Nachschießen eines bereits vorhandenen Querschlages am Schreibfeder Schachte. Indessen war erst im Frühjahr 1858 die Arbeit vor allen planmäßigen 12 Oertern im Gange. Der Ernst-August-Stollen ist demnach von 10 Punkten aus, mit 18 Oertern (9 Oertern und 9 Gegenoertern) betrieben worden. Auf seiner ganzen Länge hat er ein gleichmäßiges Fallen von 5/4 Zoll. Seine Dimensinen sind überall dieselben; bei einer Höhe von 1  5/16 Lachter hat er eine Weite von 7/8 Lachter (70 Lachterzoll), und zwar so, daß diese Weite 35 Zoll hoch über der Sohle beginnt und bis zu 70 Zoll Höhe mittelst saigerer Führung der Wangen beibehalten wird; oberhalb schließt sich die Firste im Halbkreise, unterhalb aber laufen die Wangen mit geringer Böschung zu, so daß in der Sohle 55 Zoll Weitung bleiben.

Am 4. December 1856 erfolgte der erste Durchschlag - zwischen dem Schreibfeder Schachte und dem 4. Regenbogener Querschlag - und in mehr oder weniger rascher Aufeinanderfolge reiheten sich ihm die übrigen Durchschläge an, bis mit dem letzten Durchschlage am 22. Juni 1864 das ganze Werk mit Ausnahme des Bockswieser Flügelorts vollendet dastandt.

Am 21. Juni 1851 war der erste Fäustelschlag geschehen; der ganze Stollenbau samt dem dazu erforderlichen Abteufen mehrerer Schächte und dem Herantrieb der Schachtquerschläge hatte also nur 12 Jahre und 11 Monate, nicht viel mehr als die Hälfte der ursprünglich veranschlagten Zeitdauer gewährt, obwohl die Mehrzahl der Oerter erst in den Jahren 1855 bis 1859, später als beim Anschlage abgenommen war, in Betrieb hatte genommen werden können. In Jener Zeit waren fast 1  3/4 deutsche Meilen aus dem festen Gestein herausgesprengt worden.

Um dieses Resultat zu erzielen, haben etwa 1  1/2 Millionen Löcher gebohrt und mit einem Aufwande von 2000 Centner Pulver weggeschossen werden müssen. Könnte man die Löcher aneinander reihen, so würde sich ihre Gesamtlänge zu 60 bis 70 deutschen Meilen ergeben.

Während der Bau des Stollens sich mehr und mehr seinem Ende näherte, schritt man dazu, ihm auch äußerlich den Abschluss durch Errichtung eines Portals am Mundloche bei Gittelde zu geben.

Inmitten freundlicher Anpflanzungen erhebt sich jetzt dort vor den letzten Ausläufern des Harzgebirges der Portalbau im alterthümlichen Style, mit Thürmen und Zinnen geschmückt, ein sichtbares Zeichen der Thatkraft und Beharrlichkeit des Harzer Bergmanns, ein Denkmal der Großartigkeit des Harzer Bergbaus selbst.

Das Portal ist von Sandstein-Quadern erbaut, hat eine Breite von 19 Fuß und eine Höhe von 18  3/4 hannov. Fuß. Die Thürme zu beiden Seiten erheben sich bis zu 21  1/2 Fuß Höhe. In seinem oberen Theile trägt es in broncenen, frei auf dem Mauerwerk befestigten Buchstaben die Worte:

ERNST-AUGUST-STOLLEN

darunter sieht man zu beiden Seiten gleichfalls in Bronce, die Namenszüge König Ernst August, unter welchen der Stollen begonnen  und König Georg V., unter dem er beendet ist, beide mit der Krone darüber.

Durch die aus Eisen-Gitterwerk bestehende Eingangsthür zum Stollen lieset man auf der Stirnmauer des lezteren in der Portal-Nische folgende Inschrift in vergoldeten Buchstaben auf gußeisener Platte:

ERNST-AUGUST-STOLLEN

Die Länge desselben vom Mundloche bis zum Schreibfeder

Schachte bei Zellerfeld beträgt 5432 Lachter.

Angefangen am 21. Juli 1851 und vollendet am 22. Juni 1864.

Die ganze länge des Stollens mit Einschluss der tiefen

Wasserstrecke, der Flügelörter und Schachtquerschläge

beträgt 11819 Lachter oder 3 deutsche Meilen.

Der Stollen bringt auf der Grube Caroline 204 Lachter

oder 1341 hannov. Fuss Teufe ein.

Die Sohle des Mundlochs liegt 1196 Fuss unter dem Markt-

platze zu Clausthal und 646 Fuss über dem Spiegel der Nordsee.

 

Begonnen ist der Stollen unter dem am 8. Juni 1859 verstorbenen Berghauptmann von dem Knesebeck, beendet unter dem Berghauptmann von Linsingen. 

 

Quelle:

Der Ernst-August-Stollen am Harze

Festschrift in Anlaß der Vollendung des Stollens am 22.Juni 1864 von Carl Lahmeyer

Königl. Hann. Bergamts Assessor

Clausthal 1864.

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Glück auf

Harry G.