Wracktauchen
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Teil 1
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"Wenn du das machst, kannst`e nach deinem Urlaub gleich (dauerhaft) zu Hause
bleiben!" sagt der Chef.
"Das hast du eben nicht zu entscheiden." entgegne ich ihm lässig. "Wenn ich
krank bin, bin ich eben krank. Und wenn wir unterbesetzt sind, weil die
anderen mit Schnupfen bereits zu Hause bleiben, ist das auch nicht mein
Problem .. nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei. Mach dir aber mal keine
Sorgen. Heute ist Mittwoch. Die beiden Tage schaffe ich auch noch."
"Du kannst dich ja dann in deinem Urlaub nächste Woche pflegen." mault der
Chef erneut zurück.
"Du kriegst Montag um Punkt 8 Uhr den klassischen gelben Zettel up`m Tisch,
verlaß dich drauf! Die Woche Urlaub hole ich dann genesen irgend wann mal
nach. Du glaubst doch nicht im Ernst, daß ich ... ... ! Ich bin Gott sei
Dank Arbeitnehmer, nicht mehr selbständig." grinse ich frech zurück, wohl
wissend, daß ich 2005 (ungekührter) Umsatzkönig gewesen bin und mir somit
einfach u.a. desshalb einen offenen Schnabel weiterhin leiste. Die anderen
haben abgebaut und ich zugelegt und zudem sind 80 Überstunden von mir nicht
geschrieben worden.
Aber warum sollte man sich auch verbiegen - aus Angst seinen Job wegen der
Unbequemlichkeit zu verlieren? Die hätten mich ja damals in der Probezeit
rausschmeißen können. Anders als damals bin ich jetzt auch nicht.
So quäle ich mich mit einer ordentlichen Sommergrippe noch die 2,5 Tage,
mache büschen langsamer, liege jedoch dennoch etwas über dem Durchschitt...
ich kann mich eben nicht verbiegen.
Die Nase ist zu, ich bekomme überhaupt keinen Druckausgleich hin. Meine
Freundin bereite ich verbal darauf vor, daß sie Montag arbeiten sollte und
ich zu Hause im Bettchen rumgammel - eine Woche lang.
So in den Urlaub zum Wracktauchen zu fahren ist dummes Zeuch. Sie sieht es
ein und schlägt vor, operativ zu entscheiden. Ich willige ein und werde am
Samstag früh für mich entscheiden.
Samstag 10.06. 2006
"Ich habe die ganze Nacht kaum ein Auge zu gemacht. Du hast geschnarcht!"
weckt sie mich liebevoll.
"Ich? Geschnarcht? ..Ich schnarche nicht! Meine Mutter schnarcht. Ooh .. ich
hab` `ne ganz trockene Schnautze. Die Nase ist immer noch dicht. Scheiße
hiaa!" rekel ich mich etwas angesäuert aus dem Bettchen.
Raus auf den Balkon und einen Kippen in`s Gesicht ivm. `nem Pott Kaffee.
Immer wieder greift die rechte Hand zur Nase und versucht den
Druckausgleich. Nasentropfen hatte ich seit gestern keine mehr genommen um
zu sehen, was wird.
Peng! Das rechte Ohr knallt durch, die Kopfschmerzen halbieren sich. Nun
müßte noch das linke Ohr kommen. Das wäre traumhaft. So zu tauchen geht gar
nicht.
"Warte ab bis du erstmal am Meer bist. Die Salzluft wird dir gut tun!" meint
meine Freundin. Sie muß es wissen, ist sie doch PTA und hat mich immer gut
beraten und gepflegt .. in den letzten 10 Jahren.
"Okay, laß uns Fahren. Wir werden ja dann sehen."
18.00 Uhr ist am Samstag Abend das Boot beladen und angehängt. Das linke Ohr
ist immer noch dicht, das rechte auch nun wieder. Gut gelaunt bin ich nicht
gerade, reiße mich aber weitestgehend zusammen.
Am Sonntag
sind wir um 4.45 Uhr in Cavalaire. Es ist windstill.
Der Samstag ist komplett mit Rödeln drauf gegangen. Zum Hinlegen war keine
Zeit mehr. Ich bin müde und möchte mich im Sonnenaufgang in der Bucht von
Cavalaire einschläfern. Bin ich doch durchgefahren, abgesehen von Tanken,
Rauchen und Pissen.
Die Fahrt habe ich mit Nasezuhalten und Luftpressen verbracht .. falsch..
aber ich wollte wissen woran ich bin. Irgendwann - kurz vor Cavalaire - kam
dann mit einem Peng auch das linke Ohr, nachdem das rechte die weiße Fahne
geschwenkt hatte und dauerhaft frei war.
Das Boot ist schnell zu Wasser gebracht. Noch ist es ruhig .. keine
Menschenseele zu sehen.
Für den Nachmittag ist ggf. noch ein TG geplant. Wir sind ja schließlich
nicht zum Spaß hier. Also wird die Ausrüstung von uns beiden für einen
flachen TG konfiguriert und vorgerödelt.
Der Anker fällt, das Cabrioverdeck wird mit wenigen Handgriffen ausgeklappt,
der beste Platz ausgesucht (schließlich bin _ich_ gefahren) und sogleich
eingeschlafen. Das leichte Plätschern der Wellen des schönen blauen
Mittelmeeres tut sein übriges....
Irgendwann wache ich auf. Meine Freundin ließt achtern ein Buch: "Na, wach?
Lust auf Frühstück?"
Ich fühle mich wie 80 Jahre alt. Die Falten-Lappen auf der Stirn sind heute
nach der Fahrt so groß, daß sie meine Augen gänzlich bedecken: "Ist es denn
schon hell .. draußen?"
"Ja mein Schatz. Du bist eben ein alter Sack und faltig. Zieh die Stirn
glatt, dann wird` hell!"
Ich tauche die Fratze in`s Meer, schüttel mich wie ein regennasser Hund,
dann ist`s besser. Die Haut strafft sich, fühlt sich zu Hause und die
Altagssorgen verpissen sich. Strahlend wie ein knackiger Gladiator stehe ich
da und erwarte meine Gegner....
"Kaffe? Gekochtes Ei? Brötchen mit Butter und Marmelade oder Wurst?" frag
sie liebevoll. Wir haben Arbeitsteilung an Bord, sodaß ich mich um die
Verpflegung nicht Sorgen muß.
Ich rekel mich im Vorschiff und sehe dem wachsenden Frühstückstisch zu.
Sieht lecker aus, diverhans in Frankreich, so ist`s recht...
Wir beschließen zur "Ramon Meumbru" zu fahren. Der Dampfer liegt knapp vor
der Mole von Cavalaire auf freundlichen 22 Metern.
Der Kasten hat so um die 1200 Tonnen, ist aus 1873 und im Juni 1921 dort
abgesoffen. Es soll wohl ein Schmugglerschiff gewesen sein, und irgendwer
hat irgend wem die Birne weggeballert, dabei wohl das Kaliber zu groß
gewählt und somit den ganzen Eimer gleich mit versenkt. Dat Teil ist zwar
strukturiell interessant, aber für mich nicht hinreichend interessant und
darum interessiere ich mich auch nicht sonderlich für die Geschichte. Der
Kasten liegt einfach zu flach und wir von jedermann angefahren und betaucht.
Selbst wenn es stürmt und schneit ist hier Rudeltauchen angesagt .. Tag und
Nacht. Drei Murings sorgen für sicheres Festmachen. Das gekloppe darum ist
(manchmal) groß. Bedeutet es doch für die commerziellen Tauchbasen bei
gleichem Umsatz den geringsten Einsatz .. zumindest für die aus Cavalaire.
Wir tauchen einmal hierlang und einmal dalang. Die Stiche in der Stirn sind
unerträglich, der Druckausgleich als solches funktioniert grundsätzlich.
Tiefer wäre ich in diesem "Gesundheitszustand" heute eh nicht gegangen...
Abends liegen wir im Hafen und werden von den promenierenden Gästen
bestaund. Die deutsche Flagge habe ich auf dem Navibügel zusammengefaltet,
und zudem ist sie von der großen Alpha-Flagge bedeckt. Am Fahrstand weht die
franz. Höflichkeitsflagge. Ich nutze die Gelegenheit um die deutschen
Spaziergänger, die einen franz. Trampdampfer vermuten stichprobenartig zu
belauschen. Interessante Sachen kommen dabei rum...
Es wird dunkel und kühlt sich stetig ab .. Zeit um in die Heia zu gehen.
In einer Bar spielt hübsche Barmucke, Gott sei Dank halten die anderen Bars
musiktechnisch die Fresse , sodaß ich bei netter und deutlicher Musik ivm.
mit leichtem Gemurmel der Gäste einschlummern kann. Das leichte Plätschern
der Wellen des schönen blauen Mittelmeeres tut sein übriges....
Montag 12.06. 2006
Gegen 8 Uhr sind wir beide wach. Das Boot hatten wir nicht abgeplant. Die
Sonne brennt bereits und grillt die dunkelblauen Schlafsäcke. Medium durch
.. rekel ich mich aus dem Kokong und hänge meinen Hals an die 1-Liter -
Wasserflasche wie nach einer durchzechten Nacht.
Es wird ausgiebig gefrühstückt, wir haben alle Zeit der Welt. Die "anderen"
Tauchboote legen bereits ab. Hin und wieder hebe ich blicklos die rechte
Hand zum Räkeln und ernte einen freundlichen Gruß zurück. So ist das eben in
Frankreich. Einer muß den Anfang machen .. meist die Deutschen, dann kommt
man sich näher.. und gewinnt Freunde! ;-)
Wir beschließen heute Vormittag zur "Togo" zu gehen. Ich denke , jeder kennt
(zumindest aus meinen Berichten, wenn gelesen) die "Togo", sodaß ich nicht
bzgl. des Dampfer ausholen muß. Der Bug liegt auf 55m und die Bruchkante am
Kohlebunker/Maschinenraum auf 57m.
Das abgebrochene Achterschiff liegt einige 100 Meter südlich auf 70m.
Wenn man von der "Togo" spricht wird üblicherweise _nur_ das Vorschiff
gemeint, und zu diesem soll es nunmehr heute gehen.
Der TG gestern hat gut getan und die Nase/Ohren sind frei .. nur die Stirn
halt eben noch nicht... so ganz.
Die Stelle ist schnell gefunden, ist sie doch mit einer grossen weißen
Markierungs-/Abtauchboje (-Leine) gekennzeichnet. Wir nutzen die
Gelegenheit, auch am Achterschiff nach dem "Rechten" zu sehen. Auch das ist
schnell gefunden, ist die Stelle doch mit einer Wasserflasche an einem
dünnen Faden markiert (hier sollte nicht jeder rein - soll das bedeuten).
Mein Gesichtszüge breiten sich zu einem fetten Grinsen aus: Warte nur bis
ich ganz fitt bin, dann komme ich - verlaß dich d`rauf!
Ich fahre wieder und wieder über die Achterpartie und erfreue mich an der
Fishfindergraphik!
Der Tauchplatz "Togo-Vorschiff" ist frei, es ist schon später Vormittag. Wir
können ungestört das Ankermanöver fahren. Es ist winding, und so muß ich
kühl ünerlegen, wie der Anker fallen soll um nicht zu weit von der
Abtauchboje positioniert zu sein. Meine Freundin macht keinen glücklichen
Eindruck. Ist sie doch noch das Rudeltauchen mit den Basen gewöhnt und die
daraus resultierende Scheinsicherheit .. und auf das Alleinsein am Wrack mit
mir noch nicht ausreichend eingestellt...
Der Anker fällt, die Boje ist bei 100m gesteckter Leine hinreichend dicht ..
doch scheinbar nicht dicht genug für meine Freundin. Ich sehe es an ihrem
Blick. Wir liegen wenige Dutzend Meter daneben. Das Seil ist frei vom Wrack.
Also hole ich den ganzen Scheiß wieder ein und gebe die entsprechend
korrigierten Manöverbefehle. Der Anker fällt und wir treiben mit dem
Achterschiff des Rib`s bis auf wenige Meter an die weiße Boje.
Da das Ankerseil physikalisch bedingt parabelförmig durchhängt und nunmehr
die Gefahr besteht, daß es sich am Wrack verheddern kann und sich ggf.
durchscheuert, bin _ich_ diesmal mit der gegebenen Situation unzufrieden.
Mit einem: "Scheiße doch .. so .. hiaa!" gebe ich wieder Befehle an den
Fahrstand und hole den "schweren" Mist erneut ein. Das dritte Ankermanöver
ist gleich dem Ersten platziert und ich gebe mich zu frieden.
"Geh doch (bitte) alleine Tauchen!" sagt meine Freundin etwas traurig zu
mir.
"Nein! Das(!) werde ich nicht! Wat soll ich hiaa am Vorschiff .. alleine?
Ich kann den Pott schon "singen". Entweder wir beide oder keiner! Du
solltest schon mal wieder in`s Wasser.. es wenigstens versuchen." entgegne
ich darauf.
Das vierte Ankermanöver ist ein Kompromiß von eins und drei, damit kann ich
gerade noch leben, habe aber doppelt so lange Arme.
Ich kann meine Freundin durchaus verstehen. Zudem kommt, daß ich Spaß habe,
wenn sie Spaß hat.
Wir tauchen langsam ab, sie folgt mir. Auf 30m entscheide ich, diesen
Tauchgang abzubrechen und gemütlich am Seil auszutauchen...
Wir umfahren Cap Ladier um nach der Welle zu schauen; diese ist recht
heftig. Hier draußen ist für konkret uns heute nichts mehr zu machen. In der
Bucht zwischen Cap Ladier und Cap Camerat gehen wir vor Anker, ich
schlafe... und bräune meinen Körper.
Nachmittags flaut der Wind ab , wir wollen einen 2. Versuch starten .. an
der "Espingole"...
Fortsetzung folgt ...
(c) Rene Heese 2006
Rechtlicher Hinweis:
Die hier beschriebenen Tauchgänge sind grundsätzlich lebensgefährlich! Ich
rate von Tauchgängen dieser Art ab, sie sind nicht zur Nachahmung empfohlen.
Dieser Bericht hat lediglich unterhaltenden Charakter.
Keiner dieser Tauchgänge hat in Wirklichkeit jemals und so stattgefunden.
Ich lehne jeglich Verantwortung bzgl. Nachahmer ab!
Nicht auf Rechtschreibung geprüft (Entwurf)
