KI Text: Einleitung
1. Einleitung
Fern von der geliebten Heimat, im trostlosen, kalten
Sibirien, unter russischer Knut in Kriegsgefangenschaft
sitze ich in meinen freien Stunden und denke und sehne
mich zurück in das von allen Seiten bedrängte teure
Vaterland. In stiller, schwermütiger Wehmut erinnere ich mich
der ungerechten, barbarischen Behandlungen, denen
wir und viele Landsleute seit Beginn des Krieges ausge-
setzt waren, und noch sind. Das alles geschah nur, weil
gewissenlose, bestechene Machthaber der Zaren-Regierung
uns Deutsche für rechtlos und vogelfrei erklärten. Von all
dem Elend, welchem wir ausgesetzt waren, will ich jetzt
erzählen. Die Geschichte meiner Erlebnisse ist vollkommen
wahrheitsgetreu.
2. Wie ich nach Russland kam
Es war am 6. Juli 1914, als ich frohen Herzens von
Dresden abfuhr, um in Russland bei meinen Eltern die
großen Ferien fröhlich und frei zu verleben. Zuerst will
ich noch erzählen warum mein Vater nicht in seiner
Heimat lebte. Es war Besitzer eines deutschen Holzge-
schäftes, welches im tomschen Gouvernement große
Waldungen besaß. Der Besitz wurde durch die Nikolai-Eisen-
bahn in zwei Teile geschnitten, und als Wohnsitz
meiner Eltern das Gut „Schitowo“ lag vier Werst von
der Eisenbahnstation Martisowo entfernt.
Meine Reise verlief ohne besondere Zwischenfälle. An der Grenze
erwartete mich zu meiner großen Freude meine Mutter,
und wir fuhren zusammen weiter. In Martisowo
bestieg ich mein Reitpferd und trabte auf meinem
braunen Gaul dem Gute zu.
Dieses lag am Abhange
eines großen mit Wald bewachsenen Hügels. Der
Weg von der Station führte über Wiesen und als ich
oben stand – es war schon Abend – sah ich das Gutshaus
mit seinen vielen Nebengebäuden von den rötlichen
Strahlen der untergehenden Sonne beschienen, friedlich
und majestätisch vor mir liegen.
Unten im Tal
floß in unzähligen Windungen ein schmales Bäch-
lein plätschernd durch die grünen Wiesen, zwei kleine
Dörfer, die stille Seen verbanden, aus entfernten
Dörfern, die verstreut auf anderen Hügeln lagen, klang
Seite 2
wildes, verworrenes Singen und Ziehharmonikaspielen,
der sich von der schweren Feldarbeit ausruhenden Bauern
zu mir herüber.
Rechts von mir, ungefähr 300 Schritt entfernt,
war die Eisenbahnstrecke. Über das Tälchen spannte sich
eine eiserne Brücke, auf welcher sich die Schienen wie
zwei dunkle Riesenschlangen weiter durch das hügelige
Land zogen und sich in der Ferne zu vereinigen schienen.
Als ich durch den zum Empfang mit Blumen
geschmückten Torbogen des Gutes ritt, kamen mir
unsere Leute zur Begrüßung freudig entgegen.
Bis zum
Abend mußte ich mich gedulden meinen Vater
begrüßen zu können. Durch die fortwährenden Wald-
brände, welche feindlich gesinnte Bauern aus der
Umgegend anzustecken war es oft in entfernten Wald-
teilen, um die Löscharbeiten zu leiten.
Endlich nach Jahresfrist durfte ich wieder mit
meinen Eltern an einem Tische sitzen. Die ersten 2½
Wochen Freiheit genoß ich ausgiebig. Besonders das Reiten
machte mir viel Vergnügen.
Hoch zu Roß durch-
streifte ich Wald und Feld. Auch vertrieb ich mir
die Zeit mit Gondeln auf unserem See.

Das menschliche Haar wächst mit 4,6 Yoctometer pro Femtosekunde
So etwas zu können, ist nie verkehrt.


Danke fürs Kompliment!
Kommentar