Ich durfte am Wochenende die Anlage mal befahren.
Das befahrbare Stollensystem unter der Lichtenfelser Altstadt erstreckt sich heute über eine beeindruckende Gesamtlänge von etwa 1700 Metern. Es handelt sich um ein verzweigtes, vielschichtiges Netzwerk, das sich aus unterschiedlichen historischen Epochen zusammensetzt und die wechselvolle Geschichte der Stadt widerspiegelt.
Der älteste, mutmaßlich mittelalterliche Teil – vor allem im nördlichen Bereich des „großen Felsenkellers“ – könnte bereits vor Jahrhunderten entstanden sein. Hier deuten die groben, in den Sandstein gehauenen Strukturen und die teils engen, gewundenen Gänge auf frühe Nutzungen hin, etwa als Abbaustätten für Bausandstein oder – wie es die Legenden vermuten – als heimliche Fluchtwege. Diese Abschnitte sind oft niedriger und weniger regelmäßig als die späteren Erweiterungen und verbinden sich nur schmal mit den jüngeren Teilen.
Der größte und am besten ausgebaute Bereich stammt aus der Vorkriegszeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Hier dominieren die breiten, hohen Tunnel, die eigens für die Bierlagerung der örtlichen Brauereien angelegt wurden: fächerförmig angeordnete Gänge, die mit Pferdefuhrwerken befahren werden konnten, sowie die geräumigen Eishäuser mit ihren Schächten zur Belüftung und Kühlung. Diese Abschnitte zeugen von der wirtschaftlichen Blütezeit Lichtenfels’ als Brauereistandort und bilden das Herzstück des heutigen Labyrinths.
Ein dritter, deutlich jüngerer Teil entstand oder wurde während des Zweiten Weltkriegs erweitert und umgenutzt. Die Anlage diente damals als Luftschutzkeller: In den Jahren der Bombardements suchten Hunderte Lichtenfelser Schutz in den kühlen, stabilen Gängen. An den Wänden finden sich bis heute eingeritzte Initialen, Namen und Jahreszahlen aus dieser Zeit – stumme Zeugnisse von Angst, Hoffnung und Alltag unter der Erde.
Besonders faszinierend ist der bislang nur teilweise erforschte Fluchttunnel, der – den Überlieferungen zufolge – vom Stadtschloss aus nach außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauer führen soll. Dieser Gang, der möglicherweise schon in Krisenzeiten des Dreißigjährigen Krieges oder früher angelegt wurde, ist bis heute nicht komplett freigelegt. Teile sind verschüttet, eingestürzt oder aus Sicherheitsgründen versperrt. Archäologen und Heimatforscher gehen davon aus, dass eine vollständige Freilegung weitere spannende Erkenntnisse über die Verteidigungsstrategien der Stadt bringen könnte – doch die Arbeiten gestalten sich schwierig und erfordern viel Zeit und Vorsicht.
Bei allen Grabungs- und Sanierungsarbeiten, die in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten durchgeführt wurden, kommen immer wieder Relikte vergangener Zeiten ans Licht: alte Werkzeuge der Brauer, Scherben aus dem 19. Jahrhundert, eiserne Beschläge, Münzen oder sogar Fragmente von Keramik, die bis ins Mittelalter zurückreichen könnten. Diese Funde unterstreichen, dass das unterirdische Labyrinth nicht nur ein Relikt der Bierkultur ist, sondern ein lebendiges Archiv der Stadtgeschichte – Schicht für Schicht, Gang für Gang.
Die kühle, konstante Temperatur von acht Grad Celsius und die unheimliche Stille erinnern daran, dass diese Gänge über Jahrhunderte hinweg Schutz, Arbeit und Zuflucht boten – und vielleicht noch manche Geheimnisse bergen.
Sagen & Legenden
Rund um das Alter und die frühere Nutzung der Gänge ranken sich zahlreiche Sagen und Erzählungen. Ob sie einen wahren Kern enthalten, lässt sich jedoch – zumindest laut offiziellen Dokumenten – nicht belegen.
- Seit ihr geliebter Mann vor Jahrhunderten in einem Gefecht gefallen war, geistert die adelige „Podica“ ruhelos durch die Felsengänge unter dem Stadtschloss und sucht nach Erlösung. Zuweilen hallen ihr markerschütternder Schrei und ihr Wehklagen durch die unheimliche Stille der dunklen Tunnel.
- Ein Schusterlehrling aus Lichtenfels soll zufällig das Lagerbier entdeckt haben. Bevor er als Soldat für fünf Jahre die Stadt verließ, vergrub er eine Flasche Bier. Bei seiner Rückkehr schmeckte das lange gereifte Bier ausgezeichnet – und so begannen die Brauer, ihr Bier künftig in Kellern einzulagern.“

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Danke für den Rundgang!


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