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Teil 2
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Ich habe wohl so an die 2 Stunden in nassen Klamotten geschlafen, meine
Freundin übrigens auch. Die Kälte weckt mich. Leicht dösig wache ich auf,
fühle mich aber jetzt ausgeruht und bin tatendurstig. Es ist mittags und der
Tag noch jung, der Fahrriemen juckt.
Das Wetter ist nicht ideal, doch ist der Himmel strahlend blau, Möwen
kreischen, kleine Wellen platschen an den GFK-Rumpf, der Wind pfeift, die
Falle
klimpern an den Masten der Dickschiffe; meine Klamotten und die Haut sind
salzverkrustet; ...ich bin zu Hause!
London : Nebel - die Frisur hält!
Berlin : Regen - die Frisur hält
Marseille: Mistral - die Frisur ist hoffnungslos im Arsch!
Elf-Wetter-Taft hat mal wieder versagt, meine Freundin jammert, betrachtet
ihre verfilzten langen blonden Haare. Ein Trauerspiel.
Schnell bringe ich sie mit einem Verholmanöver auf andere Gedanken; Schiff
klarieren. So kann das nicht bleiben! Wir verholen an eine maximal
geschützte Ecke des Hafens.
Ein Aufschrei: "Mist, meine Kreditkarte ist noch im Ascher des Autos!"
meldet sie sich. Hatte ich doch vor genau 2 Jahren durch so eine Aktion 1300
Euro und einen Satz Türschlösser verloren.
Wegen der Mautstellen liegt das Ding im Ascher des Nichtraucherautos um
griffbereit zu sein. Eine teure finanzielle Falle wenn man nicht
gewissenhaft daran
denkt.
Die Folienfetzen sind bereits entfernt, das Gepäck in soweit ordentlich
verstaut. Die Maschine wird gestartet, ich lege ab - wieder raus in den
Sturm. Die Hafenausfahrt wird passiert, ich übergebe das Ruder grinsend an
meine Freundin: "Hier, fahr du. Es ist zu gleichen Teilen auch dein Boot."
..weiß ich doch zugut, daß die See jetzt wieder dwars kommt, verkrümel ich
mich sogleich in "ihre" Ecke von der Hinfahrt. Sie freut sich .. .. noch.
Wie ein Profi scheindet sie die Wellen an und gibt ordentlich Gas. Ich bin
schwer beeindruckt; hat sie doch von Booten so viel Ahnung wie TÜVer von
Autos. Ähmm .. , schlechter Vergleich! ..Wie mein Chef von
"Menschenführung" .. ja .. das ist ..treffender!
Eine Frau, wie geboren für die Sturmfahrt; ich bin beeindruckt. Sie
entwickelt in kürzester Zeit ein wahres Gefühl dafür.
Es ändert aber nichts an der Tatsache, daß sie schnell pitschnaß ist. Tut
ihr aber nix, hat sie doch leichtes Ölzeug an... egal, Frauen sind eben die
bessere Alternative... !
Vom Vieux-Port aus geht es nochmal nach Frioul, Hafenmeister sprechen, noch
büschen Rödeln, dann beschließen wir meinen Traum zu verwirklichen; ich
möchte mit dem Boot vorbei an Calanque de Callelongue!
"Hier fahr du!" sage ich zu ihr wieder grinsend. Der Wind hat weiter
aufgefrischt, die Wellen sind noch höher und kommen 45° von achtern. Hinter
der Landabdeckung von Frioul ist dann für sie Feierabend. Die See hat hier
freie Bahn
und türmt sich gigantisch auf. Als meine Freundin auf einem riesigen
Wellenkamm mit dem Boot reitet
und in`s Tal schießt, legt sie den Maschinentelegraphen apprupt auf Stop.
"Das ist mir zu heftig!" schreit sie in den Sturm, etwas
blaß um die Nase.
Darauf habe ich "gewartet"!
Die Wellen werfen das treibende Gummiboot hin und her - auf und ab, spielen
mit ihm... denken wohl - sie könnten das Boot und die Besatzung etwas
einschüchtern. Doch weiß ich zugut, daß mir die See noch nie `was böses
wollte; sie ist meine Verbündetet, mein zu Hause. Das Meer spielt mit uns,
begrüßt uns auf seine Art - mehr auch nicht, und das darf es auch....und nun
bin ich an der Reihe, jetzt darf ich mit dem Meer spielen.
Die 6 jungen, gute gebauten und vor Kraft und Ausdauer strotzenden Kerle im
Außenborder warten nur auf den Startschuß. Der V6 läuft sich warm, hat er
gerade mal erst eine Betriebsstunde zu verbuchen. Jetzt muß er ran...
Eine recht große Welle hebt das Boot von schräg achtern StB an, der Gashebel
fliegt nach vorne, die 6 Kerle hinten treten kräftig in Gewinnerlaune an.
Das Wasser ist achtern nunmehr weiß statt blau. Die Maschine läuft nahezu
5000 U/min. , überreizen mag ich sie schließlich auch nicht .. ach scheiß
drauf! Ich lebe jetzt, hier und heute! Nur Leistung wird belohnt .. liegt
der Caravanspiegel schließlich immernoch achtlos im Kofferraum.
Die Gleitfahrt ins Wellental ist gigantisch, Gischt spritzt, wir sind
deutlich schneller als die Welle. Die vorauslaufende Welle wird am Rücken
flach angeschnitten, um weitesgehend die Geschwindigkeit beizubehalten. Wir
kommen mit noch mehr Schub am Gashebel super den Wellenberg rauf.
Etwas Gas weg, damit die Maschine durch die Entlastung jetzt weider bei
Talfahrt nicht im "Leerlauf" zu sehr hochdreht. Das ist auch schon der
einzige Unterschied zum Windantrieb. Hier pumpe ich eher das Großsegel
und/oder Spinnacker um Maximalfahrt ins Tal zu bekommen, bei der Maschine
muß ich da etwas aufpassen....
(...)
Als 6järiger konnte ich weder lesen noch schreiben, aber Wellenaussteuern.
1972 war es, da kam ein großer, junger und freundlicher Mann in meine erste
Klasse. Er stellte sich vor: "Mein Name ist Hansi Penovski. Ich bin
Übungsleiter bei der ASG Segeln in Hohe Düne. Wer will ... ... ...?"
Er hatte noch gar nicht zu Ende gesprochen, da flitzte seinerzeit mein
rechter Arm mit erhobenen Zeigefinger in die Luft und zappelte umher: "Ich
.. ich will mitmachen!" rief ich zeitgleich.... jetzt schwelge ich
Augenblicke, die zu Stunden werden, in Erinnerungen. Das war vor 34 Jahren.
Ich werde das kreisrunde mit Lachfalten gezeichnete Gesicht meines ersten
SegelTrainers nie vergessen. "Mensch Hansi.. " denke ich nun "..was ist
aus dir geworden..?"
Jahrelang habe ich an den Küsten Europas stundenlang auf irgendwelchen
Felsen oder Sandhügeln verbracht und auf das Meer geschaut, mir Schiffe
angesehen oder einfach nur das Meer betrachtet und von einem eigenen Boot
geträumt, ...Calabrien, Portofino, Gibraltar, Normandie, Dune de Pilat und
die Ostsee nicht zu vergessen...
Jetzt habe ich es unter den Füßen und lasse die Sau raus! Was man als Bengel
mit Begeisterung gelernt hat, vergißt man auch nicht so schnell; es klappt
alles vorzüglich.
Ile Maire liegt südlich am Cap Croisette.
Zwischen der Insel und dem Cap gibt es eine flache und enge Passage. Diese
Passage hatte ich vom Plateau des Cap Croisette ständig im Auge wenn ich in
Marseille (Callelongue) war. Hier habe ich regelmäßig gestanden und hinab
auf die vorbeiziehenden Sportboote geschaut und mir vorgestellt, wie es wohl
sein wird, wenn ich eines Tages dortentlag mit meinem Boot fahre und hinauf
auf das Plateau schaue. Nun ist der Tag gekommen.
Der Augenblick der Passage wärt nur wenige Minuten, aber das Glücksgefühl
der grenzenlosen Freiheit auf dem Meer ist unbeschreiblich! An die
grenzenlose Freiheit des Tauchens, des basenfreien Tauchens, denke ich in
diesem Moment noch nicht einmal.
Wir fahren weiter nach Sormiou, hat sich dieses doch meine Freundin so sehr
gewünscht. Einmal diesen lieblichen Ort von der Wasserseite sehen.
Sormiou ist mit einem der kleineren norwegischen Fjorde "vergleichbar", nur
das Wasser hat hier die schönere Farbe, gepaart mit den weißen Felsen und
dem satten Grün; Postkartenidylle eben.
Die Wellen sind hier in der Abdeckung durch Ile Maire und der südlichsten
Spitze von Marseille dem Cap Croisette wesentlich kleiner und der Wind
flauer.
Meine Freundin fährt wieder, ich hatte bereits meinen Augenblick der Träume.
Abends legen wir wieder in Frioul an. Der freundliche Hafenmeister hatte uns
den Code zum Öffnen der Duschentür gegeben. Scheinbar wollte er der strengen
Hafenluft , seit unserer Ankunft , ein Ende setzen.
Das warme Wasser tut gut, ich wärme mich auf, heize für die sicher doch
frische Nachtruhe ordentlich vor.
Das Boot wird nicht abgeplant; der Wind hat sich etwas gelegt, wir liegen
zudem geschützt durch den hohen künslichen Damm, der Himmel ist sternenklar,
die Luft frisch und noch warm. Schnell sind wir in den Schlafsäcken
verschwunden und wollen die Nacht unter freiem Himmel auf dem Boot schlafen.
Fortsetzung folgt....
(c) Rene Heese 2006
Hinweis: Entwurf, nicht auf Rechtschreibung geprüft.

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