Wracktauchen
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Teil 2
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Der Wind hat abgeflaut, die Welle steht zwar noch, doch liegt die "Espingole"
noch gerade so in der Bucht, so daß ein Nachmittagstauchgang hier möglich
ist. Das Torpedoboot aus 1903 liegt auf freundlichen 34 m, ist schon stark
zerfallen doch lohnt ein TG nach 4 Jahren mal wieder. Der Anspruch ist nicht
doll und für alle Beteiligten zumutbar.
Ich hatte meiner Freundin die Wahl gelassen, und sie hat sich eben dafür
entschieden. Der Anker ist schnell ausgebracht. Die gesteckte Ankerleine
beläuft sich auf die knapp 2-fache Wassertiefe.
Auch dieser Platz ist markiert, sodaß ein Ausbringen einer(weiteren)
Markierungs- und Abtauchboje (-Leine) nicht erforderlich ist. Diese
Gelegenheit verrät unschwer, dass auch dieser Spot stark frequentiert ist.
Heute am Nachmittag ist hier aber keiner.
Wir verschwinden diesmal recht unproblematisch und schnell in der Tiefe. Das
Wasser ist nicht so klar wie sonst in Cavalaire gewohnt, doch genügt es um
Spaß zu haben.
Hier in dem Kriegsblech verstecken sich oft riesige Konger-Aale, nur dass
konkret ich mich für Fisch wenig interressiere. Es ist ein (weiterer)
Check-TG. Mal sehen, ob die Heerscharen von Tauchern doch noch was übersehen
haben... an Buntmetall.
Unten ist es recht frisch, man hätte das Gerödel an Mitnahmeartikeln um
einen (zwei) Trocki(s) erhöhen sollen.
Naja, was soll ich sagen; wir sind mal hier rum und mal da`rum getaucht,
alles funzt, gefunden habe ich nichts, ..immerhin war ich mal wieder vor
Ort. Meine Freundin macht einige Foto`s, sodaß ich dann mal auch was zum
"Zeigen" habe. Nach 16 min. Grundzeit gehen wir nach oben.
Gott sei Dank steht für heute Nacht die Weiterreise nach Marseille auf dem
Programm; das bewahrt mich vor einer ernstzunehmenden Kriese!
Bevor der Hafenmeister uns weitere 10 Euro Liegegebühr abnehmen wird
(Stichzeit ist 13 Uhr), slippen wir das Boot am Nachmittag und verstauen
alles reiseferig. Meine blaue Mütze mir dem weißen "R" und meine
Boot-Fahr-Sonnenbrille bleiben auf einem Poller liegen. Die speckig-fettige,
dreckige, ausgeblichene und für jedermann viel zu große Mütze finde 180°
gewendet nach einer Stunde wieder, doch die coole Brille konnte jemand
brauchen... Gott sei Dank hat das Schicksal andersherum entschieden!
Boot ist auf dem Trailer und die Zugmaschine in Form eines brandneuen Audi
A4 angekuppelt. Der Föhrer hat zu Eintopf(Erbseneintopf) "wie immer" geladen
.. das Standartgericht bei Empfängen von erfolglosen U-Boot-Fahrern. Das
Essen wird oben auf dem trockenliegendem Boot eingenommen. Staunend und
raunend werden wir bei Schmatz, Pups und Rülps wahrgenommen - ist eben
Werftliegezeit. Als Nachtisch gibt es Softeis. Ich sehe aus wie ein Schwein
und bekleckert habe ich mich auch noch.
Der Wecker wird auf 2 Uhr Nachts gestellt, und als es dämmert legen wir uns
in das Vorschiff zur Nachtruhe. Ein gemütlicher Tag neigt sich dem Ende;
keinen Geleitzug/ keinen Einzelfahrer erwischt. Der BlöDeUh wird sich auf
die Hinterfüße stelle...wenn dat so weiterjeht.
Die U-Boote-Schnarre ertönt; Aufgestanden heißt die Stunde, weg hier vom
Orte des Versagens und glückloser Jagd! Eine Sekunde später drehe ich den
Zündschlüssel um und der Diesel springt an. Meine Freundin läßt sogleich den
Kopf auf die Brust sinken .. und schläft ein.. es waren ja auch nur
zweieinhalb Stunden Halbschlaf.
Dienstag
Kurz vor 5 Uhr erreichen wir unseren gewohnten Platz am Vieux Port an der
Slipanlage. Parkplätze sind für das Gespann ausreichend vorhanden, kein
Mensch ist zu sehen - halt, doch, die kleine relativ attraktive "Obdachlose"
schleicht wie immer über den Platz. Ich sehe sie zu jeder Tages- und
Nachtzeit hier am Orte. Schade; dat junge , hübsche Ding .. lächelt sie doch
immer so freundlich und sagt meist irgend etwas auf Französisch.
Wir fahren raus nach Callelongue und lassen uns in der Morgenflaute auf dem
Meer treiben, die Sonne müßte jeden Augenblick über die weißen Felsen luken.
Ein traumhaftes Fleckchen Erde hier. Nur ist es etwas frisch. Wir müssen uns
(vorerst) unsere Wetterjacken anziehen. Meiner Freundin gebe ich eine kleine
Angel. Allerdings ist auf dem Fishfinder weit und breit kein Fisch zu sehen.
Doch in wenigen Ausnahmen hat Spaß nicht immer etwas mit Erfolg zu tun.
Ein alter Schlepper macht ordentlich Dampf auf, hat er doch einen
Schwimmkran kleinerer Bauart am Haken. Alte Zeiten werden wach. Er fährt
Richtung Osten, und das konkret heißt, daß der Mistral oder der Marin heute
sicher auf sich warten läßt, bzw. nicht sonderlich stark ausfallen wird. Ich
plane einen TG an einem meiner Lieblingsschiffe, der "Liban".
Bei dieser Wetterlage befürchte ich, daß die Rudeltaucher bei Zeiten
einschneien werden und mich bei meinen archiologisch-wissenschaftlichen
UW-Grabungsarbeiten behindern könnten. Das hat zur Folge, daß ich an meinen
Fingernägeln zu kauen beginne, diese mit meinen Zähnen schäle und die Frucht
meiner Arbeit mit den Backenzähnen zermale .. ich muß in`s Wasser, bevor ich
satt oder erstickt bin - ist mein Gedanke der Zeit!
Bis alles angerödelt ist, frischt auch schon langsam der Wind auf. Er kommt
diesmal aus Richtung Ost-Süd-Ost und bringt übelen Güllegestank mit. Ich
weiß, daß zwischen Callelongue und Sormiou die Abwässer von Marseille
UNGEKLÄRT in die See fließen. Doch hat die Strömung und die Windrichtung in
den Jahren meiner Reisen nach Marseille "immer gestimmt" und wir sind von
einer Katastrophe verschont geblieben. Doch heute stimmt etwas nicht; das
Wasser wird minutiös trüber, allerhand Unrat schwimmt an der Oberfläche...
Ich sehe zu, daß ich abtauche.
"Bring einen Suppenlöffel mit!" sagt meine Freundin scherzhaft zu mir, kurz
bevor ich rücklings in die See abkippe.
"Ja-ja.." nuschel ich halbverständlich durch den Regler ".. du vergißt, der
Dampfer ist zu 99.9% ausgeweidet. Aber dein Wunsch ist mir Befehl."
Vor exakt einem Jahr hatte ich an der "Liban" die bis dahin beste
Sichtweite; einfach ein Traum! Heute jedoch artet die Angelegenheit in eine
zunehmende Katastrophe aus. Die Vertikalsicht ist sehr schlecht. Unten am
Wrack geht es so. Ich bin zudem hier zu Hause und setze meinen TG dennoch
fort. Ich bin wieder an der Bruchstelle gelandet und grabe heute nur
oberflächlich im Sand neben dem Wrack. Ich möchte nochmal die Aufbauten
untersuchen. Leider ist hier auf die "Rasche" nichts zu finden und so tauche
ich wieder zur Bruchkante. In der Nähe eines Kessels blitzt etwas weißes.
Sofort nähere ich mich ihm und berge ein Tellerbruchstück. Doch erfassen
meine geschulten Augen etwas anderes: Aus dem Sand ragt neben anderen Dingen
in einer Ecke eine Auffälligkeit, unscheinbar aber auffällig eben. Einen
halben Finger lang, einen Finger in der Breite und flach erstreckt sich
etwas, das sich in Richtung Sand verjüngt. " Dat is`doch nicht etwa eine
Gabel...oder!(?)" denke ich mir bei dem Versuch, dat jute Stück aus dem Sand
zu ziehen. Behutsam muß ich vorgehen. Der Sand möchte das Stück nicht ohne
Fleiß preisgeben. Das Sediment wird im Umfeld mit der Hand weggewedelt, die
Grundzeit verrint. Ich traue meinen Augen nicht: Ein silberner Suppenlöffel
kommt ans Licht der Unterwasserwelt. Er ist verkrustet und leicht
beschädigt. Ich könnte keine Suppe mehr löffeln, im Boden ist ein kleines
Loch korridiert - das ist aber auch schon alles. Der Rest ist 1A! Der Löffel
muß an irgendetwas gelegen haben, sonst wäre er an besagter Stelle mit
keinem Lochfraß versehen. Schade, aber dennoch.... Die Freude ist riesig!
Offengestanden; so etwas habe ich noch nicht!
Gerade entferne ich mich von der Fundstelle, die ich mir zudem peinlichst
genau für spätere TG`s eingeprägt habe, da sehe ich auch schon 2 Hanseln in
meine Richtung tauchen. Zuvor hatte ich ein manövrierendes Boot an der
Oberfläche vernommen und bin somit vorbereitet. Jedoch ziehen die beiden
geruhsam an mir vorbei, gefolgt von weiteren Tauchern. Die Staubwolke hinter
mir fällt bei der gülleartigen Konsistenz des Wassers nicht sonderlich ins
Gewicht. Und außerdem; wat soll`s? Dat Leben is` eben so.
Ich verspüre wenig Lust auf einen Reglerwechsel, habe Angst- ich könnte bei
der Brühe hier krank werden und qualvoll sterben.
An der Oberfläche angekommen ist die Katastrophe perfekt. Der Wind hat
ordentlich aufgefrischt, doch sind keine Schaumkämme zu sehen. Wie Sirup ist
die Wasseroberfläche; schnell Anker bergen und weg hier! Der Gestank ist
zudem grauenhaft. Mein Gott - das schöne Meer.. und das im Jahre 2006.. ind
innerhalb der EU!
( weiter unten geht`s weiter)

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