Cavalaire 06-2006, Bericht Teil 5

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  • diverhans
    Ridderkreuzträger &
    Ritter


    • 03.11.2005
    • 444
    • BW

    #1

    Cavalaire 06-2006, Bericht Teil 5

    Reise vom 10.06. - 18.06.2006, Cavalaire-Marseille

    Wracktauchen
    ________________________________________

    Teil 5
    ________________________________________


    Meine Freundin holt noch mit dem City-Roller Frühstück vom Bäcker, aber
    gegessen soll später werden; ich halte es nicht mehr aus und möchte zum
    Achterschiff der "Togo".
    Alles ist fertig, sogar den Halbtrocki habe ich bereits an. Stolz schleicht
    das Boot durch den Hafen, das Basecap ist tief in die Stirn gezogen, obenauf
    tront die coole Sonnenbrille (so wie der Wüstenfuchs sie einst trug), im
    Winkel der großen Klappe lümmelt ein qualmender Kippen - das letzte
    Abendmal - , jedoch achte ich peinlichst darauf, nicht _in_ das Boot zu
    aschen. Es geht zum Achterschiff der "Togo" - ich fühle mich blendend, und
    alle sollen es sehen. Leider ist das franz. Mädel aus dem Blumenladen nicht
    an der Pier, bettelte sie doch damals vor 5 Wochen, ich solle wiederkommen
    und einen sauberen tiefen Preßluft-TG hinlegen. Nochnichteinmal in die
    Capitanerie kann ich reinschauen, ob die mich bewundern; die Fenster sind
    bräunlich und verspiegelt. Nur ein Angler holt hastig seine Wurfangel mit
    geballter Faust ein, da ich scheinbar zu dicht die Mole passiere. Na
    immerhin wenigstens _ein_ Gruß vom Festland.

    Etwas Welle steht doch an und büschen Wind haben wir auch. Der Gashebel
    fliegt nach vorne und ab dafür. Die Brille wandert von oben etwas tiefer ..
    auf die Augen, ..ist ihr wohl zu windig on top.
    Augenblicke später macht es wutschsch und das Basecap verabschiedet sich
    achteraus in`s Kielwasser. Die Möwen lachen sich hörbar tot; mein Gott - wie
    peinlich! Aprupt fliegt der Gashebel auf Stop, sodaß meine Freundin
    sitzenderweise vor dem Fahrstand, vornüber zum Tauchgerät purzelt.
    "Brauchst`e nicht festhalten, liiiecht gut." werfe ich ihr zu und wende
    bereits mit kleiner Fahrt.
    "Hier übernimm du, Käpt`ns Hut bergen!" erteile ich die Anweisung.
    Der Deckel ist dermaßen versüfft, daß er sich kaum über Wasser hält und mehr
    und mehr gewichtsneutral dem verdrängtem Wasser in den Schwebezustand
    wechselt. Nur noch die Spitze vom Schirm lukt noch einen Millimeter über
    Wasser. Der Deckel beginnt über das Achterschiff zu Sinken! Mein Gott - was
    für ein Traucherspiel! Läuse, Flöhe , Wanzen machen gemeinsam die
    Rettungsboote klar, drängeln sich um einen Platz im Boot. Die ersten Schüsse
    fallen! Laus Mördock richtet die Waffe gegen sich selbst und stürzt tödlich
    getroffen über Bord. Es ist soweit, Panik an Bord der SS "Mütze" bricht aus!
    "Scheiße hiaa .. mein Hut säuft ab! Gib Gaaas man!" Der sinkende Hut wir
    anvisiert und beherzt springe ich mit einem Köpper über Bord. Die
    vorgestreckten Hände erwischen beim einditschen in`s Wasser den so wichtigen
    Hut und krallen in fest.
    Stolz erscheint erst die Mütze in den Händen an der Wasseroberfläche, dann
    ich. Die Besatzung jubelt. Mir jedoch ist jetzt schon arsch-kalt!

    (...)
    Ich traue meinen Augen nicht: Da kurvt der Fischer von gestern in der Nähe
    des Achterschiffes rum. Ich gebe noch mehr Gas, will die Sache sichtlich
    klären.
    "Neinn!! Verdammte Scheiße hiaa! Dat kann doch nicht waaah saain! So`ne
    Scheiße hiaa! .. Der legt Netze - genau am Wrack! Dieses Arschlooch!" ..bin
    ich doch keineswegs cholerisch veranlagt, doch mir platz der Kragen - ich
    explodiere! "Ich geh`da jetzt runner! Das ist mir scheißßßegal! Der(!)
    versaut mia nich`die Touaa! ...Dat kann doch nich` waaah saain!"
    Meine Freundin sagt nix.
    Totenstille nunmehr .. an Bord.
    Nur die Maschine surrt leise im Leerlauf.
    Wie angewurzelt stehe ich hinter dem Fahrstand und schaue schockiert auf das
    sich entfernende offene Holzboot mit den langen beflaggten Stangen und den
    darauf rödelndem Männchen, welches lustig weiter Netze legt.
    "Los! Peilung vornehmen! Da .. und da! Die beiden Boje da! Wo ist die scheiß
    Wasserflasche (Abtauchmarkierung der Tekki`s) ?" frage ich an.
    "Guck, ..dort .. dort ist die Flasche!" entgegnet meine Freundin, die jetzt
    ebenfalls aufgestanden ist.
    Ich umkreise die Wasserflasche um auf dem Fishfinder die genaue Lage des
    Wracks zu kriegen.
    Der Fischer hat ganze Arbeit geleistet. Sein Netz liegt genau auf der
    Mittelachse des Achterschiffes .. der Länge nach .. von vorne bis hinten!
    Wieder nun stehe ich wie angewurzelt da. Hmm .. habe ich doch gerade erst
    diesen Fall an der "Prophete" trainiert, und heute ist Freitag! Das Netz
    liegt auch morgen noch hier, und morgen Nachmittag reisen wir ab. - arbeitet
    es in meinem Kopf.
    (...)
    Meine Freundin sagt nix. Sie wird den Teufel tun ..und mich ggf. belehren
    wollen.. sie weiß, ich werde meine Entscheidung durchdacht so oder so
    treffen und sie dann durchziehen.

    Eine geschlagenen viertel Stunde ohne Worte und des Dümpelns in den Wogen
    ist vergangen. Ich stehe immernoch wie angewurzelt hinter dem Fahrstand, nur
    ; es arbeitet in meinem Kopf. Alle Eventualitäten meines Erfahrungsschatzes
    laufen im Kopf durch...

    "Okay .. Abruch! Wir faah`n nach Hause! werfe ich in den `Raum`.
    Meine Freundin sackt sichtlich etwas zusammen. Dabei bläßt sie ihre Wangen
    leicht auf , und die gestaute Luft entweicht leise-hörbar durch ihren
    hübschen Mund.
    "Geh doch an das Vorschiff." entgegnet sie halblaut etwas später.
    "Vooorschiff .. Vooorschiff! Man, sieh! Da sind drei Dampfer dran! Da hätte
    ich doch gleich mit den Heinis tauchen können! Die karren sich da unten
    üba`n Haufen! ..Ich hab` da mal gewohnt auf `m Voo..oorschiff ! Es gibt
    nicht einen Nagel mehr, wo meine Fingerabdrücke _nicht_ d`rauf sind!" sicher
    weiß ich, daß meine Freundin für die Sachlage hier am Spot nichts kann, und
    sie weiß, daß ich das nicht persönlich meine. Die Luft muß eben rauß - gibt
    sonst Magengeschwüre.
    "Nu` komm. Du hast alles fertig. Wir warten bis die weg sind und dann gehst
    du rein." beschwichtigt sie meine Enttäuschung "besser als gar nicht im
    Wasser, oder?" lächelt sie mich liebevoll an.
    Ja .. richtig erwartet - ich liebe sie .. diese Frau ist das Beste, was mir
    in meinem Leben begegnet ist! Ein goldener Engel .. in jeder Lebenslage.. zu
    jeder Zeit!
    "Kommst`e mit? Deine Ausrüstung ist an Bord. Ich rödel sie zusammen und du
    entspannst dich derweilen." frage ich sie (nunmehr) freundlich.
    "Nein, schon gut, geh nur!"
    "Okay, dann gehe ich an das Vorschiff. Hast ja Recht .. besser als gar nicht
    im Wasser. Ich bleibe nicht lange. Wird eh arschkalt werden." sage ich im
    ruhigen und friedlichen Ton zu ihr.

    Wir wechseln und sie nimmt langsam Fahrt Richtung Vorschiff der "Togo" auf.
    Ich reiße mir fast dabei den Arm ab, als ich dem Fischer die geballte Faust
    hinterherwerfe. Damit ist dann auch der Sache genüge getan und ich finde
    mich mit den Gegebenheiten - mit der Enttäuschung ab.
    Mache ich doch beim Setzen der Markierungsboje (-Leine) und des Ausbringens
    des Ankers ein riesen Heckmeck d`rum, vom Wrack fern zu bleiben, und der
    legt freiwillig sein Netz genau auf den Wracks aus. Wie der dat wohl wieder
    in seine Nußschale kriegt? Volltrottel oder Vollprofi (?) - Wahnsinn und
    Genialität liegen eben dicht beeinander...



    Fortsetzung weiter unten
    ..man kann nicht alle Wracks dieser Welt betauchen, aber .. man kann`s versuchen!
  • diverhans
    Ridderkreuzträger &
    Ritter


    • 03.11.2005
    • 444
    • BW

    #2
    Es befindet sich nun nur noch der Kutter in der Nähe der Abtauchboje. Er hat
    als letzter seine Taucher über der "Togo" ausgeschüttet.
    "Laß uns noch warten." sagt meine Freundin.
    "Nein! Worauf warten? Das es Nacht wird? Fahr mich ran, bitte!"
    Mit langsamer Fahrt bringt mich meine Freundin in die unmittelbare Nähe der
    Boje. Ich kippe ab, und bleibe noch eine Sekunde an der Oberfläche. So sehe
    ich, daß unser Manöver genau von der Tauchkutterbesatzung verfolgt wird.
    Dann verschwinde ich über Kopf in das Blau und gleite zum Vorschiff.
    Das Wasser ist nicht klarer geworden, doch ist der freie Fall in die Tiefe
    wie immer ein Erlebnis; das Wasser strömt an der Maske vorbei und zuppelt am
    Regler. Hier sind keine Netze, hier kann ich mich fallen lassen.
    Heute habe ich das Gefühl daß ich besonders schnell unten bin, oder die
    wenigen Minuten verlaufen im Zeitraffer. Schnell ist der Schatten des großen
    Frachters unter mir zu sehen, dann allerdings auch die Taucher. Wie ein
    Rudel Haie umkreisen sie gruppenweise dieses und jenes. Das
    Blitzlichtgewitter startet oder ist bereits im vollen Gange, dabei ist die
    Sicht recht schlecht.
    Ich lande im Bereich Schornstein, tauche weiter ab in den Kohlenbunker für
    die Antriebsanlage. Dahinter ist bereits die Bruchkante. Außer viel Kohle
    ist hier nichts zu sehen. Wieder etwas aufwärts und Richtung Brücke, entlang
    der äußeren Gänge an Backbord. Die Decksplanken sind weggefault, und so
    tauche ich zwischen der Stahlkonstruktion ein Deck tiefer - das jedoch stark
    mit Sediment beladen ist. Durch eine Tür passe ich nicht - das Doppelgerät
    stört.
    Die Brücke ist zusammengebrochen und liegt ein Deck tiefer. Es sind
    deutliche Spuren zu sehen, daß hier permanent und alles Gewendet wird. Es
    stehen also auch reichlich andere Taucher auf einen Tapetenwechsel. Hmm..
    schade .. eigentlich!
    Mir ist kalt, sehr kalt.
    Vielleicht das Schlafdefizit, das ich in der Summe der Woche doch habe.
    Meine Mutter hat immer gesagt, daß man Schlaf nicht nachholen kann.
    Woran ich hier unten so alles denke?
    Ich bin jetzt alleine am Wrack. Die anderen haben den Aufstieg begonnen, sie
    sind weg. Ich genieße noch einmal die nun einkehrende Ruhe am Schiff .. und
    das Alleinsein. Ich bin gerne alleine .. am Wrack. Ich genieße noch einige
    wenige Minuten hier unten auf über 50 Meter... Ich halte oft den Atem an und
    genieße einfach nur am Wrack zu sein. Ich nehme dabei nicht wirklich etwas
    bewußt wahr... keine Bewegung meinerseits - wie mich die Tiefe dreht, so
    verbleibe ich .. die 100er Kowa ist dabei aus - ich genieße das Dämmerlicht
    in Verbindung mit der Farblosigkeit - die zuweilen sehr schön sein kann - so
    wie in diesem Augenblick, ..dieses gespenstische grau-blau!
    Ich bin in Trance und fühle mich einfach nur wohl - ich spühre einfach nur
    die Gegenwart des Wracks und die Dichte des Wassers. Zeit interessiert mich
    nicht.
    Wie viele so .. einfach im Bett sterben?
    Vielleicht dazu noch im Krankenhaus mit Blick auf die weiße Wand und ein
    lieblos angebrachtes, schiefes Bild in Form eines Kunstdruckes im billigen
    Rahmen, darauf eine blühende Landschaft mit Bauernhaus am Bildrand. (?)
    Es ist auch mal schön, _nicht_ auf der Suche zu sein, sich einfach nur
    treiben lassen .. und nicht atmen ..und sich einfach nicht bewegen, einfach
    abzuschalten. Oh Gott; das Leben ist schön! Man muß nur hingehen!

    So hat der Tauchgang doch noch was gutes, etwas meditatives. Die Deco mit
    reinem Sauerstoff trägt zum weiteren Wohlbefinden bei. Ich verkürze nicht
    die Deco. Hier treffe ich auf die anderen, die freischwebend sich
    gegenseitig zeigen, was sie tariertechnisch drauf haben. So bin ich der
    einzige, der sich an die Leine mit beiden Händen "klammert", seine Augen
    schließt und horizontal balanciert ruht .. und sich einen Scheiß um
    andere(s) kehrt - der Taugang der Sinne .. eben.
    Ich "wache" auf, als der Regler keine Luft mehr gibt; die 2 Liter Rein-O2 -
    Butz ist leergeatmet. Ich spucke ihn aus und schnappe mir den, der um den
    Hals baumelt, dann tauche ich aus...

    Wieder an Bord erzählt mir meine Freundin aufgeregt, jemand vom Kutter hätte
    sie (letztendlich) auf englisch angesprochen, wo/wann denn "mein"
    Tauchpartner vom Schlauchboot abgekippt wäre. Als der vom Kutter mitkriegt,
    daß ich alleine reingegangen bin, hat er meiner Freundin einen Vogel
    gezeigt. Okay, daß ist man ja von gewöhnlichen Autofahrern gewöhnt, ..aber
    Taucher die Tauchen? Viele reden eben nur davon, daß sie wissen was sie tun.
    Aber sie tun nicht was sie wissen (sollten). Ich habe das Gefühl, daß Sex
    vor der Ehe eben _wieder_ verpöhnt ist, `komme mir gar vor wie in einem
    Zains Fictschen - Fim, in dem die Menschen zu Maschinen geworden sind und
    lediglich machanisch den gegebenen Anweisungen Folge leisten... Gott sei
    Dank sind wir (noch) nicht so weit, und ich kann nun mit Hilfe dieses Bootes
    meinen Traum ausleben.

    Der Kutter kam übrigens von "der anderen Seite", aus Richtung St. Tropez...
    Momo füllt uns eine 12er (habe an der Togo nocht nicht`mal eine von beiden
    Butzen leerbekommen), eine 10er und die D6.
    Als wir bezahlen wollen, bekommen wir stattdessen sogar zu den gefüllten
    Flaschen noch 10 Euro zurück! Wir hätten gestern zu viel bezahlt .. bei
    seinem Mann, sagt er. Verdutzt nehme ich den Geldschein gedankenlos zurück.
    Meine Freundin schenkt ihm noch ein Fläschen Sekt im hübschen Karton. Wir
    haben möglichst immer eine kleine Aufmerksamkeit im Gepäck...

    Den Nachmittag verbringen wir in Toulon .. ich möchte da noch nach Raritäten
    schnüffeln...


    Samstag

    Ich brauche heute sehr(!) lange um "auf die Beine" zu kommen. Ich bin
    urlaubsreif !
    7.30 Uhr aufwachen und gegen 9 Uhr bin ich bei Sinnen .. mein Gott .. ich
    werde alt!
    Wir fahren raus zum Cap. Die Welle ist wie am Tage des Berstens der
    Windschutzscheibe. Wir belassen es heute dabei und kehren angerödelt zur
    "Meumbru" zurück.
    Ich finde eine kleine Kupferplatte, eine Tellerscherbe und buddel einen
    echten Messing-Boldsnäpp aus- ein Relikt eines hier scheinbar gestrandeten ,
    mit dem Wrack scheinbar völlig überforderten MIR-Tauchers aus der
    Geburtsstunde dieser Religion.

    14.30 Uhr ist das Boot verzurrt auf dem Trailer.


    *** E N D E ***


    (c) Rene Heese 2006


    Rechtlicher Hinweis:
    Die hier beschriebenen Tauchgänge sind grundsätzlich lebensgefährlich! Ich
    rate von Tauchgängen dieser Art ab, sie sind nicht zur Nachahmung empfohlen.
    Dieser Bericht hat lediglich unterhaltenden Charakter.
    Keiner dieser Tauchgänge hat in Wirklichkeit jemals und so stattgefunden.
    Ich lehne jeglich Verantwortung bzgl. Nachahmer ab!

    Nicht auf Rechtschreibung geprüft (Entwurf)
    ..man kann nicht alle Wracks dieser Welt betauchen, aber .. man kann`s versuchen!

    Kommentar

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