Irrfahrt, Teil 9, Roman

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  • diverhans
    Ridderkreuzträger &
    Ritter


    • 03.11.2005
    • 444
    • BW

    #1

    Irrfahrt, Teil 9, Roman

    Irrfahrt


    Teil 9:


    Die 21 Meter Deco – was mache ich hier eigentlich? Grundsätzlich nach tieferen, anspruchsvolleren Solo-Tauchgängen komme ich auf dieser Stufe erst einmal zur Ruhe. Hier schaue ich auf meine Systeme wie Finimeter, Zeit, Tauchtiefe. Dann schaue ich auf meine Tabelle und rechne mir die erforderliche Deco aus. Sollte die Tabelle mal beim Tauchgang abhanden gekommen sein, rufe ich die im Kopf gespeicherten Stopps ab oder ich habe nun die Möglichkeit ab 21 Meter die Zeiten auf den jeweiligen Stufen einfach zu verdoppeln als „Notfallverfahren“ beginnend mit einer Minute. Und selbst wenn ich zwei oder 3 Minuten auf der 21er Stufe verweilen sollte, so schadet es nicht wirklich. Allerdings lasse ich dazu den 18 Meter Stopp aus. Und so komme ich auf 60 Minuten Deco – gerundet und habe gut die doppelte Decozeit als sie in irgendeiner Form auf meiner Tabelle erscheint.
    Ich habe Zeit meine Leine zu sortieren – sehe zu, dass ich mich eher „schwer“ mache als zu „leicht“. Das bringt viele Vorteile: Bei Gefahr kann ich recht schnell tiefer; die Leine ist zum Grund hin lose so dass das Bleilot keinen unerwünschten Auftrieb erfährt; mein Freundin sieht an der Oberfläche – dass der große Zylinder in einer anderen Lage ist – ich dranhänge; ich kann Signale über die Leine an den orangefarbenen Zylinder weitergeben; an einer ungestückelten straffen Markierungsleine kann ich unter Umständen den Hebesack mit seiner Ladung eingeschäkelt nach oben gleiten lassen, sodass dieser nicht abtreibt und alles zusammen geborgen werden kann; ich habe „Reserveabtrieb“ falls ich eingeschlafen bin und mich jemand heraufholt – zwar bin ich nie an der Leine arretiert, fahre sie immer aus der Hand, aber man kann nicht wissen.
    Nachteile bezüglich dem „zu schwer sein“ sind mir nicht viele bekannt. Sollte der Schwimmkörper sich mal lösen oder an Auftrieb verlieren, so ist in das Wing schneller Luft eingelassen als herausgelassen – der Inflator-Einlassknopf ist stets und ständig griffbereit, und wenn einmal nicht – komme ich mit gekonnt eingesetzten Flossenschlägen schneller rauf, als mich zu wenden um runter zu kommen. Hinzu kommen, dass die „21“ eine magische Zahl ist; eben eine sinnvolle erste Stufe, sowie eine Gaswechselstufe hinsichtlich Nitrox50 – oder TMX50/25. Das dazu und am Rande.

    Doch lausche ich nun angestrengt. Dabei atme ich teilweise nicht einmal. Wo sind die Schraubengeräusche? Ich müsste sie bereits deutlich hören können. Und wo bleiben weitere Klopfzeichen? Ich interpretiere daraus, dass meine Freundin – wie besprochen – Signale gegeben hat und der Dampfer keine der Fähren gewesen ist und einen „anderen“ Hafen anläuft. Marseille besitzt in der Umgebung mehrere davon. Der Dampfer hat sich an Ile Maire gezeigt und läuft einen anderen Kurs. So muss es sein, doch ist weiterhin größte Aufmerksamkeit geboten.
    Nach geraumer Zeit höre ich nun doch Motoren- / Schraubengeräusche. Meine Erfahrung sagt mir, dass es sich hierbei allerhöchstens um eine Yacht handeln kann und diese hat auszuweichen und ist dazu auch in der Lage. Etwas später noch die Akustik eines Gleit-Ausflugbootes – welche gerne die Fjorde östlich von Marseille anfahren, genanntes gilt auch hier. Und dann wohl noch ein früher Tauchdampfer. Das war`s!
    Ich trödele nicht rum, bleibe aber auch nicht zu kurz auf den Stufen – denn so kann ich mir heute Nachmittag noch einen Tauchgang erlauben.
    ..man kann nicht alle Wracks dieser Welt betauchen, aber .. man kann`s versuchen!
  • diverhans
    Ridderkreuzträger &
    Ritter


    • 03.11.2005
    • 444
    • BW

    #2
    Mein Kopf zeigt sich an der spiegelglatten Wasseroberfläche nach nur etwas mehr als 30 Minuten Gesamttauchzeit. Es ist kein Schiffsbetrieb weit und breit zu sehen - nur meine Freundin putzt in reichlicher Entfernung das Boot mit abgestellter Maschine.
    Ich schaue dem Treiben genüsslich zu, denn je mehr sie schafft desto weniger muss ich…
    Doch dann sehe ich Unrat auf mich zu treiben und bevor sich die Wuast unter meine Eismaske schieben kann, trete ich ordentlich in die Flossen. Und die Wuast verfolgt mich! Ich sehe die Besatzung der Wuast an die Acht-Komma-Acht sprinten; Augenblicke später rings um meinen Körper Granateinschläge! Der Kommandant gibt mir mit der Klappbüchse zu verstehen, ich solle meine Maschine stoppen und ein Enterkommando an Bord lassen, sonst müsse er mich versenken. Da ich nicht antworte und weiter flüchte, schnapp er sich sein Sprachrohr: „Sie-sind-ein-krrraiserliches-Boot-und-gehören-einer-längst-vergangenen-Zeit-an-und-somit-geentert! Stoppen-sie-sofort!“
    Dass diese Gülle immer Stress machen muss! Alles war bis eben so schön!
    Durch das Treiben aufmerksam geworden, startet mein EinsWehOh die Maschine, lässt ebenfalls die Acht-Komma-Acht besetzen, feuert in Richtung Wuast und kommt mit Höchstfahrt heran! Die Wuast dreht ab und ich werde schnell aufgenommen. Glück gehabt!

    „Scheiße man – ein geiler Frachter! So etwas habe ich selten gesehen – verdammt!“ Berichte ich sogleich beim Erklimmen der Hühnerleiter und nachdem ich den Regler am Bungee ausgespukt habe. „Alles in Ordnung übrigens!“ Ergänze ich.
    Es wurmt mich. „Hast du irgendwelche Klopfzeichen gegeben?“ Frage ich.
    „Nein! … Es war alles ruhig. Ein Segelboot, ein kleiner Ausflugsdampfer und ein Schlauchboot haben in reichlicher Entfernung passiert. Sonst nichts. Ich habe das Boot geputzt.“ Erwidert sie.
    „Du hast nicht geklopft?“
    „Nein!“ Bestätigt sie nochmals. „Alles ruhig. Ich habe geputzt aber geschaut.“
    Ich kratze meinen Kopf.
    „Es war wieder das Meer – verdammt.“ Denke ich laut.
    „Was war das Meer?“ Fragt sie mit gesenkter Stimme.
    „Gar nichts! Schon gut…!“
    „Du bist irgendwie komisch in diesem Urlaub.“ Erwidert sie mir abgewendet und das Putzzeug verstauend.
    „Ich bin überhaupt nicht komisch. Ich rede ab und an mit dem Wasser, und das ist nichts Neues … für dich.“
    „Na dann is` ja gut.“ Lächelt sie zurück.

    „Lass uns die Boje bergen. Ich bin entspannter wenn die wieder an Bord ist. Ohne die geht kaum was.“ Schlage ich vor.
    „Und was machen wir danach?“ Fragt sie.
    „Die „Ker-Bihan“ überlaufen, dann die „Drome“ und dann eine von meinen gespeicherten Positionen – von dem keiner Informationen hat, weder die Literatur, noch die Seekarten, noch ich selbst.“

    Die Boje mit Leine und dem lieben Bleilot ist schnell und problemlos geborgen und die „Ker-Bihan“ angefahren. Sie liegt nur wenige Meter neben der „Miquelon“. Meine Freundin fährt.
    „Willst du hier noch mal runter?“ Fragt sie, als wir das Wrack auf dem Fishfinder abgebildet haben.
    „Nein! Das ist zu heiß. Ich würde gerne, aber das Risiko ist erhöht; ich muss noch warten - Oberflächenpause, habe einen Haufen an Zeitzuschlag zu berücksichtigen, kann so oder so schon nicht lange unten bleiben, die Deco wird schier endlos, die Wahrscheinlichkeit des Aufkommens großer Fähren steigt quadratisch! `Mache ich nicht … tut weh, aber ich mache es einfach nicht!“ Kommentiere ich … und das Meer lächelt mir zu.
    „Frühstück?“ Fragt sie.
    „Ja … Frühstück. Lass uns Ile Calsereigne anfahren – dort … in die gemütliche Bucht. Ich denke, du weißt schon welche.“
    „Nö!“
    „Na in die, in der letztes Jahr die Belgier vor Anker lagen.“ Spezifiziere ich, und nun nickt sie verstehend und freut sich auf ein gemütliches Frühstück.
    „Lass uns aber noch schnell Frioul anfahren und frische Baguette holen!“
    „Das werden dann aber teuere Baguette mein Schatz.“ Werfe ich geizig ein. „Aber egal … komm … dann fahr los!“
    ..man kann nicht alle Wracks dieser Welt betauchen, aber .. man kann`s versuchen!

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    • diverhans
      Ridderkreuzträger &
      Ritter


      • 03.11.2005
      • 444
      • BW

      #3
      Leider sind wir nicht alleine – in der Bucht. Ein quadratisches, kleines Motorboot mit älterem Mann und seiner noch älter aussehenden Frau dümpelt vor Anker. Ich grüße, die nicht. Der Anker fällt; der Frühstückstisch ist von meiner Freundin schnell und liebevoll hergerichtet. Der letzte Happs Baguette mit Nuss-Nougat-Creme ist kaum hinunter geschluckt, da schlagen meine Augen zu und der Arm in die Butter – ich schlafe.

      „Was wollen wir denn nun machen?“ Weckt mich meine Freundin rüttelnder Weise. Meine Traumblase zerplatzt, in der ich mich gerade aus dem engen Schornstein der „Miquelon“ befreie – Gott sei Dank aber was für ein Quatsch!
      Es folgt der Standardspruch: „Scheiße wir haben verpennt … der Tauchgang! Jetzt ist Wind! … Wo sind wir überhaupt?“
      „Ruhig … ganz ruhig! Also: Wir sind in Marseille, den ersten Tauchgang hast du überlebt und warst an der „Miquelon“, jetzt ist es etwa 12.30 Uhr und nur ganz-ganz leichter Wind! Alles verstanden und gerafft?“
      „Nöö…“ sage ich „bitte noch mal!“
      „Werd` erst`mal wach!“ Wendet sie sich ab und senkt den Außenborder.

      Wir sind die wenigen einhundert Meter bis an die Position der „Batavia“ gefahren; ich stelle fest, ein Tauchgang lohnt hier nicht.
      „Okay, ich gehe an die „Liban“, vielleicht finde ich was. Die Sicht wird auch dort nicht gut sein.“ Beschließe ich und beginne mich anzuziehen.
      „Ich bleiben heute trocken – komme rein gar nicht mit.“ Teilt mir die Freundin mit und ich widerspreche nicht.
      „Nach dem Tauchgang gehen wir in die Stadt. Okay?“ Schlage ich vor.

      An der „Liban“ ist die Sicht grottenschlecht. Gut, dass die Freundin oben geblieben ist. Ein kleines „Flaschennest“ finde ich, doch sind trotz einer tieferen Grabung keine heilen Flaschen zu finden. Die Zeit reicht gerade noch um zu den Mittschiffsaufbauten zu tauchen. Eine schwere Eisenplatte schaffe ich zu wenden, doch die Sicht ist nahezu auf Null reduziert und ich habe meine Grundzeit verbraucht. Zu warten, bis eine Verbesserung der Sicht eintritt, bleibt mir rein gar nicht und so beschließe ich schweren Herzens die Platte in die ursprüngliche Lage zu bringen; keiner soll von meiner Arbeit profitieren.

      Wir dürfen für etwa zwei Stunden kostenlos an der Capitainerie festmachen und schleppen uns zu erst zu McDoof, der Hunger plagt zu sehr. Ein alter Mann, der so fertig ist, dass selbst die übelste Dönerbude ihn nicht zum Müllräumen einstellen würde, kommt betteln. Ich bin satt, er eher nicht und so rücke ich zwei Euro raus; zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Leider bin ich der einzige.
      Wir schlendern zurück, machen aber noch den obligatorischen Abstecher in meine Lieblingsbuchhandlung – weltweit. Eins meiner besten Bücher ist vergangenes Jahr auf dem Rib nass geworden und sieht dementsprechend traurig aus; ich gönne mir für zu Hause ein neues. Es gibt vieles was ich haben / kaufen möchte, doch will ich auf meine restlichen Tage noch einiges erreichen … und verzichte mürrisch.
      Boot aufladen und zurück nach Cavalaire, Duschen, Schlafen…
      ..man kann nicht alle Wracks dieser Welt betauchen, aber .. man kann`s versuchen!

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      • diverhans
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        • 03.11.2005
        • 444
        • BW

        #4
        Mittwoch:
        Recht spät aufgestanden, letztendlich erst gegen 8.30 Uhr; Regen.
        Wieder Duschen, Einkaufen, Sonne bezüglich des Erscheinens nötigen, Spazieren am Strand.
        Ich sitze an den Felsbuhnen und schaue auf die ruhige See… meine geliebte See. Dort draußen liegt die „Togo“. Und dort draußen liegt auch das Achterschiff der „Togo“ in 65 Metern tiefe. Ich war erst einmal dort und hatte mir seinerzeit geschworen zurückzukehren. Mal sehen, was die restlichen Tage bringen werden…
        Wir legen uns an den Strand. Meine letzte Sandburg habe ich vor etwa 9 Jahren gebaut. Die Waterkant ist glatt – der Sand eben, zu eben! Die wenigen Kinder am Strand verstehen sicher eine Menge von Spiderman zu erzählen, haben aber in ihrem bisherigen Leben sicher jedoch noch keine mannshohe Sandburg gesehen; mit mindestens neun Türmen und Brücken und Kirchen und einem Dorf innerhalb der Burgmauern. Tauchen ist heute abgesagt, Sandburgen sind nie abgesagt!
        Meine Freundin macht Kleckertürmchen – nach dem Baden – unten am Wasser. Ich liege faul auf dem Handtuch und schaue meiner Kleinen liebevoll zu; vom Stickstoff mal restlos entsättigend.
        „Willst du nicht mitspielen?“ Ruft sie mich an.
        Ich stehe auf; es hat mich gepackt. Die Welt ist zu modern geworden – für mich. Und bevor ich meine Knochen gar nicht mehr bewegen kann, werde ich die Waterkant bewegen … den glatten, silbern glänzenden Strand von Cavalaire verändern … wenn auch nur für einen kurzen Augenblick – aber mit den bloßen Händen. Die See wird sich die Burg holen; oder die Kehrmaschine – welche am frühen Morgen den Unrat der Besucher entfernt.
        „Klar doch! Aber du kennst die Regeln!“
        „Ich habe sie fast vergessen. Sei nicht zu streng mit mir!“ Sagt sie und kleckert weiter.

        Der erste Turm steht und reicht mir bis zur Brust; er dient der Bewachung. Nun wird die dem Meer zugewandte Mauer errichtet – mit Ecktürmen und einem Leuchtturm für die Seefahrer zur Orientierung. Ein zweiter, ein dritter ein vierter Turm entstehen, Häuser, Kirchen, Brücken und das Hasenwurzelhaus. Übrigens: Ich habe noch nie ein Hasenwurzelhaus gebaut; aber – es ist mir recht ordentlich gelungen!
        Die ersten Waterkant-Walker bleiben stehen; ihre Fäuste sind in die Hüften gestützt. Das lockt weitere an. Die ersten allein erziehenden Muttis mit Balg an der Hand treten auf den Plan … oder auch umgekehrt. Und so auch wieder ab, als sie meine mitspielende Freundin erblicken.
        Zwei bis drei Stunden und ich gebe mich insoweit zufrieden, dass das Feuerzeug schnippt und ich mit nassem Hintern wieder auf meinem Handtuch sitze – doch alsbald arbeite ich erneut an dem Werk.

        Wir wollen aufbrechen, falten unsere Handtücher. Ein Mann spricht uns auf Französisch an, ob wir es erlauben, dass er mit seinem kleinen Sohn unseren Platz einnimmt und ob der Junge mit der Burg spielen darf. Mein Lächeln reicht bis zu den Ohren, denn dafür ist sie erbaut worden…


        *** Fortsetzung folgt ***



        Rechtlicher Hinweis:

        Dieser Roman - auch in Teilen - ist urheberrechtlich geschützt! Die
        Tauchgänge haben in der Realität so nie stattgefunden. Keine Haftung aus
        Nachahmung! Es wurden keine Gegenstände aus dem Meer/Wracks geborgen. Die Personen, die Begebenheiten sind frei erfunden, Ähnlichkeiten rein zufällig.

        Tauchen ist grundsätzlich lebensgefährlich!


        (c) Rene Heese 2007
        ..man kann nicht alle Wracks dieser Welt betauchen, aber .. man kann`s versuchen!

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