Recherche zur Württembergischen Armee im 1. Weltkrieg, eine Familiengeschichte

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  • Palleon
    Ritter


    • 06.08.2018
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    #1

    Recherche zur Württembergischen Armee im 1. Weltkrieg, eine Familiengeschichte

    Hallo zusammen,
    ich habe überlegt, ob ich diesen Beitrag hier schreiben soll und ob er für euch interessant ist, habe mich dann aber letztlich dafür entschieden. Vielleicht hilft meine Erfahrung dem ein oder anderen.

    Ich betreibe schon lange Familien-/ Ahnenforschung. Ihr habt hier schon viel über meinen Opa Paul, meinen Opa Willi und meinen Uropa Karl gelesen. Von denen wusste ich, dass sie im 1./ bzw. 2. Weltkrieg aktiv waren und Ihr habt mir geholfen die Soldbücher und Erinnerungen zu einem schönen Gesamtbild zusammenzusetzen.

    Der Vater von meinem Opa Willi hieß Rudolf Egeler und ist am 11.03.1880 in Nebringen, Württemberg, geboren. Er war bei Ausbruch des 1. Weltkrieges 34 Jahre alt und damit in der Landwehr prinzipiell dienstpflichtig. Ich wusste nichts über ihn, habe außer ein paar Fotos aus den 1940er Jahren keinerlei Unterlagen und es lebt auch niemand mehr, der sich an ihn erinnert.

    Der erste Schritt in der Recherche zum 1. Weltkrieg sind immer die Verlustlisten, die netterweise komplett digitalisiert und indexiert beim Verein für Computergenealogie vorliegen. Dort habe ich auch einen Bruder und einen Schwager von ihm gefunden, ihn selbst aber nicht. Entweder weil er nie verwundet wurde oder weil er nicht gedient hatte.
    https://des.genealogy.net/eingabe-verlustlisten/search

    Für Württemberg gibt es das große Glück (im Gegensatz zu Preußen), dass die Stammrollen der Einheiten aus dem 1. Weltkrieg nicht im 2. Weltkrieg zerstört wurden und, dass diese löblicherweise inzwischen alle digital verfügbar sind.
    Ohne Anhaltspunkt ist die Suche schwierig, weil die Listen auf Kompanieebene geführt wurden. Bei mehr als 40 Regimentern mit jeweils 9 bis 17 Kompanien (Artillerie/ Infanterie) sind das gut 1000 Listen, die NICHT indexiert sind, also gelesen werden wollen.
    https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/suche/findbuecher_mit_digitalisaten.php?archiv=1&sortier ung=&klassi=1.12#_1.12

    Ich habe zuerst die üblichen Verdächtigen abgesucht, also die Infanterieregimenter, die im Bereich seines Heimatortes Nebringen rekrutiert haben und in den Verlustlisten auftauchen.
    Ohne Erfolg.
    Dann bin ich systematisch alle Landwehr Regimenter durchgegangen.
    Ohne Erfolg.
    Ältere Wehrpflichtige wurden bei Personalmangel auch in regulären Einheiten eingesetzt, also bin alle Infanterieregimenter durchgegangen.
    Ohne Erfolg.

    Schließlich habe ich angefangen auch alle anderen Einheiten durchzugehen, und nach etwa 700 Listen kam endlich ein Treffer! Ich konnte es kaum glauben. Da stand Egeler, Rudolf, Nebringen, 11.03.1880. Ich hatte ihn gefunden. In einer Liste der 4. Ersatzbatterie Feldartillerie Regiment 29. Stammrollennummer 594.

    In diesen Kriegsstammrollen sind immer alle vorherigen Stationen der Person eingetragen und wohin sie versetzt wurde (oder entlassen). Nun wusste ich auch, warum ich bei der Infanterie vergeblich gesucht hatte. Mein Uropa hatte seinen Wehrdienst von 1900 bis 1903 beim 20. Ulanen Regiment gemacht, war also Reiter. Die Friedensstammrolle aus dieser Wehrpflichtzeit konnte ich damit auch finden.

    Mit seiner Pferdeerfahrung (auch aus dem Zivilleben, er war Bauer mit einem recht großen Hof und Zugpferden) wurde er zwar am 27.12.1914 zur Ersatzeinheit des 20. Ulanen Regiments eingezogen, von dort aber zur Artillerie versetzt um als Fahrer (Pferdefuhrwerke) in den Munitionskolonnen zu dienen.
    Von der 4. Ersatzbatterie Feldartillerie Regiment 29. wurde er am 13.03.1915 zur Reserve Artillerie Munitionskolonne I ins Feld geschickt. Dort erfolgte „Stellungskampf im Artois westlich Bapaume“ (Nordfrankreich).

    Am 27.09.1915 erfolgte die Versetzung in „Pferdedepot Villers au Flos“.
    Damit war dann leider wieder Feierabend, denn diese Pferdedepots hatten zu Anfang noch keine eigenen Stammrollen und es ist mir nicht gelungen die zugehörige Einheit ausfindig zu machen.

    Aber in der Hoffnung, dass er später wieder zurück zur Munitionskolonne versetzt wurde, bin ich einfach die Stammrollen aller Munitionskolonnen durchgegangen und wurde bei der leichten Munitionskolonne 356 fündig! Hurra!


    Hier tauch Rodulf Egeler am 05.18.1917 wieder auf. Gemäß Stammrolle war er nur bis zum 06.04.1916 beim „Reserve Pferde Depot Nr 14 – Reserve Korps“ und ist dann zur „Reserve Artillerie Munitions-Kolonne 39“ versetzt worden. Diese habe ich bisher in den Akten leider nicht finden können. Wenn hier jemand mehr dazu weiß, gern. Von dort aus ging es dann wie gesagt am 05.08.1917 weiter zur Munitionskolonne 356. Hier hat er 1917 mit seiner Einheit eine „Schlacht in Flandern“ und „Stellungskrieg vor Verdun“ mitgemacht. Am 19.02.1918 erfolgte die Versetzung zum Feldartillerieregiment 65, leichte Munitionskolonne der III. Abteilung. Die war zum Glück wiederum leicht zu finden unter der späteren Nummer 1164.

    Vielen Dank auch an Zardoz für die Hilfe bei der Entschlüsselung dieser Seite!

    Bei dieser Einheit war er dann das Jahr 1918 über. „14.03.-20.03.1918 „Stellungskampf vor St. Quentin“. 21.03.-06.04.1918 „große Schlacht in Frankreich“. Im Mai 1918 „Stellungskampf bei Laon“. „Erstürmung des Chemin des Dames“ am 27.05.1918. 02.06.-01.08.18 „Kämpfe zwischen Oise und Marne“. Das Bild habe ich euch mal angehangen, hier der Link zum Original, er ist der untere Eintrag:
    https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/bild_zoom/zoom.php?bestand=6160&id=2300860&gewaehlteSeite=01 _0001105328_0043_1-1105328-43.jpg&screenbreite=1920&screenhoehe=1080

    Nach dem Ende der letzten deutschen Offensive wurde man dann, um die Moral zu haben, kurz vor Toresschluss freigiebiger was Orden und Auszeichnungen angeht. So hat auch mein Uropa erst am 13.07.1918 die Landwehr Dienstauszeichnung 2. Klasse (D. A. II) für „Treue Dienste“ und am 27.08.1918 die Württembergische Militärverdienstmedaille in Silber (W. s. M. V. Med.) für „Tapferkeit und Treue“ erhalten.

    Am 22.08.1918 wurde dann seinem Gesuch stattgegeben „Zwecke der Arbeitsleistung auf dem eigenen landwirtschaftlichen Betrieb“ zurückgestellt zu werden. Und so ging es Ende August 1918 für Rudolf wieder nach Hause auf seinen Hof zu seiner Frau und seinen vier Kindern (Der jüngste, mein Opa Willi, wurde 1915 geboren).

    Kaum vorzustellen, was unsere Vorfahren damals, an der Front, aber auch als Frauen mit Landwirtschaft und kleinen Kindern zu Hause, durchmachen mussten. Eine bessere Mahnung für „Nie wieder Krieg“ kann es nicht geben, und daher finde ich es wichtig, dass diese Dinge nicht vergessen werden.

    Viele Grüße
    Kay


    Angehängte Dateien
    Zuletzt geändert von Palleon; 11.07.2026, 14:00.
    Hobbyheimatforscher im unteren Rurtal, Kreis Heinsberg
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    Moderator

    • 24.09.2003
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    #2
    sauber recherchiert,
    auch dafür ein paradebeispiel …

    danke dir fürs teilen!!
    … ich lasse mir nicht in meinem gehirn rumwühlen,
    ich lasse mir nicht meine kleine show stehlen!?
    dr. koch - "1984"

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